Wer folgt auf Nikolaus Schneider?

Foto: epd-bild / Norbert Neetz
Wer folgt auf Nikolaus Schneider?
Nikolaus Schneider (67) tritt als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland ab. Die Nachfolge wird bei der Synode bestimmt, die vom 9. bis 12. November in Dresden tagt. Themen werden außerdem Sterbehilfe und die "Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft" sein.
29.10.2014
epd
Thomas Schiller

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) steht vor einem Führungswechsel: Der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider (67) hat Ende Juni seinen Rücktritt angekündigt, um mehr Zeit für seine an Krebs erkrankte Frau Anne zu haben. Am 11. November wird seine Nachfolge an der Spitze des Rates geregelt. Die EKD trifft bei ihrer Jahrestagung in Dresden eine Vorentscheidung darüber, wer die deutschen Protestanten in das Jahr des 500. Reformationsjubiläums führt. Bis 2017 bleibt noch viel zu tun.

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Schneider legt ein Amt nieder, das er nie angestrebt hat. Nach dem Rücktritt seiner Vorgängerin Margot Käßmann war ihr Stellvertreter Schneider im Februar 2010 zunächst kommissarisch nachgerückt und im folgenden November an die Spitze des Rates gewählt worden. Nun wird es bereits den dritten Vorsitzenden in der laufenden sechsjährigen Amtszeit geben, die noch bis 2015 geht: in der Geschichte der EKD ein einmaliger Vorgang.  

In den vergangenen Wochen wurde diskutiert, wer das Amt für die letzten zwölf Monate der Legislaturperiode übernehmen könnte. Stellvertretender Ratsvorsitzender ist der sächsische Bischof Jochen Bohl (64). Würde er nachrücken, stünde im nächsten Jahr wohl ein weiterer Führungswechsel an. Denn wenn im November 2015 eine neu zusammengesetzte Synode einen neuen Rat wählt, ist Bohl im Ruhestandsalter.

Gute Chancen werden dem bayerischen Bischof Heinrich Bedford-Strohm (54) eingeräumt, der bereits dem Rat angehört. Auch er steht - wie Bohl - an der Spitze einer lutherischen Landeskirche. Und ein Lutheraner - so sagen viele in der EKD - "sei jetzt dran". Der konfessionelle Unterschied zwischen Lutheranern, Reformierten und Unierten spielt in der evangelischen Kirchenpolitik noch immer eine wichtigere Rolle als in der Öffentlichkeit oder in vielen Gemeinden vor Ort. Seit 1985 kamen alle fünf von sechs Ratsvorsitzenden aus unierten Landeskirchen. Die Ausnahme war der viermonatige Ratsvorsitz von Margot Käßmann.

Wahl in mehreren Schritten

Über einige weitere Namen wurde in den Medien spekuliert: Ralf Meister (52), der Landesbischof Hannovers, ist Lutheraner, während der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung (54) einer unierten Kirche vorsteht. Beide sind bislang nicht im Rat - wie auch die zwei Frauen an der Spitze von Landeskirchen, Ilse Junkermann (57) aus Mitteldeutschland und Annette Kurschus (51) aus Westfalen. Sie sind bislang auch nicht als Nachrücker für den frei werdenden Ratssitz von Nikolaus Schneider vorgeschlagen.

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Für dieses Mandat ist derzeit der Berliner Bischof Markus Dröge (60) der einzige Kandidat. Offen ist, ob die Synode in Dresden noch weitere Bewerber vorschlägt. Erst soll der 15-köpfige Rat wieder komplettiert werden. Dann erfolgt die Wahl des Vorsitzenden in mehren Schritten: Der Rat tritt zusammen und einigt sich auf eines seiner Mitglieder als Vorsitzenden. Danach ist die Zustimmung von Synode und Kirchenkonferenz erforderlich. Das Placet vom Kirchenparlament sowie der Vertretung der 20 Landeskirchen war aber in der Vergangenheit eine Formsache.

Vor der Wahl eines neuen Ratsvorsitzenden hat die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer, an das Kirchenparlament appelliert, seine Verantwortung für die Zukunft der Kirche zu bedenken. Damit brachte Schwaetzer indirekt eine Nachfolgelösung für Nikolaus Schneider ins Gespräch, die nach Ablauf der verbleibenden Legislaturperiode 2015 eine Wiederwahl ermöglicht. Zu Personalspekulationen wollte sich die frühere FDP-Bundesministerin bei einem Pressegespräch in Berlin auf Nachfrage nicht weiter äußern.

Schwaetzer sagte, jeder Synodale mache sich bewusst, welche Verantwortung für die evangelische Kirche auf ihn zukomme. "Es waren unruhige fünfeinhalb Jahre bisher", sagte die Vorsitzende des Gremiums, die selbst erst vor einem Jahr die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt im Präsesamt abgelöst hatte. In der laufenden Amtszeit wählt die Synode in Dresden bereits den dritten Vorsitzenden nach Margot Käßmann (2009/2010) und Nikolaus Schneider (2010 bis 2014).

Sterbehilfe: Das Dilemma zwischen EKD-Position und Gewissensnot

Schwerpunktthema der diesjährigen Synodentagung ist "Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft". Dazu stellen sich nach den Worten der Präses zwei Leitfragen: wie das Evangelium in digitalen Lebensräumen Gestalt gewinne und wie angesichts der Digitalisierung Freiheit bewahrt werden könne. "Wir werden auch im November 2014 keine abschließenden Antworten finden", räumt die Präses der Synode, Irmgard Schwaetzer, im Vorwort eines Themen-Lesebuchs ein. Ein Kundgebungsentwurf der Synode zum Thema  "Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft" kann schon vorab hier diksutiert werden. Die Beiträge fließen in die Beratung mit ein.

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Es wird erwartet, dass die EKD-Synode in der Friedensethik-Debatte Position bezieht zu den Kriegen in der Ukraine sowie im Nahen und Mittleren Osten - und zu den Folgen der Konflikte: den nach Deutschland flüchtenden Menschen. Sicherlich wird bei der Synode ebenfalls die Sterbehilfe zur Sprache kommen - nicht nur wegen der Gesetzesberatung im Bundestag, sondern auch nach den Interviews des Ratsvorsitzenden und seiner Frau. Die Schneiders haben im Sommer das Dilemma zwischen offizieller EKD-Position und persönlicher Gewissensnot offenbart: Der Ratsvorsitzende würde auch gegen seine Überzeugung treu an der Seite seiner schwer kranken Gattin stehen, wenn diese etwa in der Schweiz ihrem Leben ein Ende setzen wollte. Dass Nikolaus Schneider jüngst in einer Talkshow von Therapie-Erfolgen bei seiner Frau Anne berichtete, lässt hoffen, dass es soweit nicht kommt.

Über die Vorbereitungen zum Jubiläum 2017 wird Reformationsbotschafterin Margot Käßmann vor der Synode berichten. Bei der Tagung in Dresden geht es außerdem darum, die Arbeit der konfessionellen Kirchenbünde im deutschen Protestantismus enger mit der EKD zu verzahnen. Auch kirchenrechtliche Fragen werden besprochen: Im Disziplinarrecht soll der Opferschutz eine stärkere Rolle spielen. So sollen Missbrauchsopfer einen Anspruch auf Beistand bekommen, die Verfahren sollen künftig öffentlich geführt werden, wenn es keine besonderen Schutzgründe gibt, hinter verschlossenen Türen zu tagen. Die im vergangenen Jahr beschlossenen Grundsätze zum kirchlichen Arbeitsrecht stehen ebenfalls wieder auf der Tagesordnung: sie sollen in EKD-Recht umgesetzt werden. Unter anderem gehe es um eine Stärkung der Gewerkschaftsrechte in den arbeitsrechtlichen Kommissionen, sagte Präses Irmgard Schwaetzer.

Die EKD-Synode kommt in der bisherigen Zusammensetzung in Dresden letztmals zusammen. Im Mai nächsten Jahres konstituiert sich in Würzburg das Kirchenparlament neu, im November 2015 wird die EKD-Führungsspitze neu gewählt.