Deeskalation im Jobcenter: Flucht oder Verteidigung

Aggression

Foto: WavebreakmediaMicro/Fotolia.com

Jürgen Zöllers Tipp für Jobcenter-Mitarbeiter: "Spielt öfter mal solche Worst-Case-Situationen gedanklich nach."

Am Mittwochmorgen stürmte ein 52-jähriger Mann mit zwei Messern ins Neusser Jobcenter und tötete eine 32jährige Mitarbeiterin. Das Motiv des Arbeitslosen: Wut über den vermeintlichen Missbrauch seiner persönlichen Daten. Wie können sich Jobcenter-Mitarbeiter vor solchen Angriffen schützen? Der Deeskalations- und Selbstverteidigungs-Trainer Jürgen Zöller vermittelt in seinen Seminaren Strategien zum Umgang mit aggressiven Kunden.
28.09.2012 | von Franziska Fink und Anne Kampf | evangelisch.de

Nach einer Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung fühlen sich mehr als zwei Drittel der Jobcenter-Mitarbeiter unsicher oder bedroht. Welche Faktoren führen zu dieser Atmosphäre?

Vorgestellt

Jürgen Zöller: Sie müssen davon ausgehen, dass der typische Jobcenterkunde - der man ganz schnell wird - finanziell sehr in Not ist. Es gibt Situationen, in denen die Gesetzgebung einfach nicht helfen kann. Nehmen Sie zum Beispiel einen Menschen, 50 plus, der ein Jahr arbeitslos ist und das Jahr darauf schon im Hartz IV. Als Hauptgrund stehen extreme finanzielle Probleme im Hintergrund, existentielle Probleme.

Was sind die häufigsten Aggressionsformen, mit denen Mitarbeiter in Jobcenter konfrontiert werden? Sind es mehr verbale Attacken oder eher tätliche Angriffe?

Zöller: Überwiegend verbal. Das geht los mit Beleidigungen, über Drohungen bis hin zu Tätlichkeiten wie Tisch abräumen und wirklich körperlichen Aggressionen. Ich habe sehr viele Jobcenter in meinem Kundenkreis. Da gab es schon Angriffe mit einer Axt oder einem Beil, mit Vorschlaghammer, Backstein, Messer, bis hin zur bewaffneten Geiselnahme. Solche Angriffe sind zwar zum Glück statistisch gesehen die Seltenheit, aber das nützt dem einzelnen Mitarbeiter wenig.

Kann man als Jobcenter-Mitarbeiter bei bestimmten Kunden vorgewarnt sein?

Zöller: Grundsätzlich ja. Wir schauen uns in unseren Trainings so genannte PINS an, das heißt "Pre-Incident-Indicators" - also Anzeichen, die auf einen unmittelbar bevorstehenden Angriff hindeuten. Es gibt physiologische PINs, das sind Dinge, die man selbst nicht steuern kann. Zum Beispiel wird der Kopf rot oder auch blass, die Atemfrequenz erhöht sich, die Wortwahl wird unkontrollierter, der Kunde starrt nur in eine Ecke. Je früher man so einen PIN erkennt, desto größer ist die Chance, dass man deeskalativ tätig werden kann. Es kann aber genauso gut wie im Fall Neuss völlig überraschend gehen, dass die Tür auffliegt, jemand reinkommt und seinen Aggressionen freien Lauf lässt. Es gibt verbale PINs wie Schimpfwörter und Beleidigungen oder dass man vom höflichen "Sie" plötzlich zum abschätzenden "Du" wechselt, und nonverbale PINs wie Drohgebärden.

"Es gibt keinen roten Knopf, den man drücken kann, und dann beginnt eine Deeskalation."

Sie bieten Seminare zur Deeskalation an. Was bringen Sie den Mitarbeitern der Jobcenter in Ihren Kursen bei?

Zöller: Meine Kurse sind dreigeteilt: Kommunikation, Deeskalation und Eigensicherung. Wir fangen an mit der Grundeinstellung und lernen dabei etwas über wertschätzendes, empathisches Verhalten - das heißt, den Kunden so zu akzeptieren, wie er ist. Ich muss selbstbewusst wirken, ich darf mich auf keinen Fall in eine Opferrolle hineindrängen lassen. Dass der Kunde sich auf einmal stark fühlt und es vielleicht auch diesen Moment genießt, in dem er merkt: mein Sachbearbeiter hat Angst - das darf auf keinen Fall passieren. Es muss auf Augenhöhe miteinander kommuniziert werden.

Und wie funktioniert dieses Training in der Praxis?

Deeskalation ist leider keine einfache Sache. Es gibt keinen roten Knopf, den man drücken kann, und dann beginnt eine Deeskalation. Ich muss dazu bereit sein, überhaupt deeskalieren zu wollen, und das ist gar nicht so einfach, wenn mich mein Gegenüber gerade bedrängt und ich mich im Recht fühle - ich habe ja das SGB II  hinter mir. Ich muss dann einfach beginnen mit der Deeskalation. Zum Beispiel könnte ich sagen: "Okay, jetzt machen Sie einfach mal langsam, wir sind an einem Punkt, wo wir merken, das geht aus dem Ruder, lassen Sie uns mal fünf Minuten vor die Tür gehen." Runterkommen - das ist extrem schwer. Das trainieren wir in Rollenspielen mit sehr hoher Intensität, wo wirklich auch Adrenalin ins Spiel kommt. Ich als Trainer schreie die Leute massiv an, das geht bis hin zu einem Worst-Case-Szenario, das nennt man "Stressimpfung". Man muss solche Situationen einfach durchspielen, die passieren ja nicht oft. Eine Mitarbeiterin einer Hartz-IV-Behörde wird wahrscheinlich - wenn überhaupt - einmal in ihrem Leben massiv körperlich angegangen.

Und die dritte Stufe - die Eigensicherung?

Zöller: Da geht es zum Beispiel darum: Wie sieht mein Schreibtisch aus? Steht da der große Aktenlocher griffbereit für den Kunden, ist da mein Brieföffner, eine Schere? Und wie ist es mit Fluchtmöglichkeiten? Was kann ich denn wirklich als ersten Selbstverteidigungsschritt überhaupt tun, wenn mich jetzt jemand wirklich massiv angeht? Mein Ratschlag ist: Verlasst euch in erster Linie auf euch selbst, als zweites auf eure Kollegen, und als drittes auf eine Security, falls die überhaupt im Haus ist. Die wird genau in dem Moment mit Sicherheit gerade woanders sein.

"Das Gehirn kann nicht wirklich unterscheiden: Ist es jetzt eine gestellte Situation oder ein Ernstfall?"

Wenn ich als Jobcentermitarbeiterin bei Ihnen geübt und Strategien gelernt habe - Kann ich die in einem Moment der Schockstarre überhaupt umsetzen?

Zöller: Ich hatte einen Fall, da reißt jemand die Tür auf und steht mit so einem Gipserbeil vor dem Hartz-IV-Mitarbeiter. Klar, dann kommt erstmal diese Freeze-Phase, diese Schockstarre. Man kann es trainieren, dass man die relativ schnell überwindet und dann wieder handlungsfähig wird -entweder durch Flucht oder durch Verteidigung. Ich gebe immer den Tipp: Spielt öfter mal solche Worst-Case-Situationen gedanklich nach. Das Gehirn kann nicht wirklich unterscheiden: Ist es jetzt eine gestellte Situation oder ein Ernstfall? Je mehr ich in dieser Richtung für mich selbst tue, umso mehr wird meine Transferfähigkeit und damit auch meine Handlungsfähigkeit in einem Ernstfall erhöht.

So ein aggressive Verhalten - verbal oder tätlich - gab es das schon immer oder ist das ein Phänomen unserer Zeit?

Zöller: Das gab es mit Sicherheit schon immer, aber die Qualität hat extrem zugenommen und auch die Häufigkeit - auch wenn manche Polizeistatistik etwas anderes aussagt. Das subjektive Empfinden - zumindest von den Mitarbeitern, mit denen ich bisher zu tun hatte - ist ganz klar: Es ist schlimmer geworden und es wird weiterhin schlimmer. Die Hemmschwelle, das sieht man auch beim Umgang mit Polizisten, ist gesunken. Gründe dafür sind gesellschaftliche Probleme, Verrohung über Massenmedien oder Computerspiele und eine Menge andere Gründe. Definitiv hat die Qualität und die Quantität der Aggressionen zugenommen.

Kommentare

Es ist schlimm, dass so etwas passiert! ABER: Vielleicht sollte man den Mitarbeitern des Arbeitsamtes vielleicht auch einmal beibringen, ihre Klientel nicht wie Dreck zu behandeln! Die können in der Regel nichts dazu, dass sie arbeitslos sind, während Ihr Gegenüber sich wie der arroganteste Sack der Welt aufspielt, die Bewerber von einem Bewerbungstraining zum nächsten schickt, ihn andauernd in irgendwelchen merkwürdigen Unternehmen unterbringt, wo sie dann gepiesackt werden bis zum Umfallen. Alle anderen lassen die "Doofmänner" vom Amt mal machen...diese klotzen mächtig rein, weil Sie denken: Ich behalte den Job! Aber so ist es leider nicht!!!!!!
Man bekommt nie einen Job...man wird nur ausgenutzt! Auch die Kirche macht hier mit! Man wir gemobt.....und wie!!!! Alle wissen das...keiner tut was...das gehen Familien kaputt...da kommen Kinder unter die Räder...da haben Frauen Angst vor ihren Männern..... .... ...!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Aber das ist ja alles nichts gegen "BEAMTENBELEIDIGUNG"!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Vielleicht sollte man den Mitarbeitern lieber einmal die Situation der "Arbeitslosen" darstellen! Die mühen sich nämlich, wollen alles richtig machen, werden aber von genau diesen Beamten derartig rosinenkackerisch behandelt, dass man sich nur noch ans Hirn fasst!
Ich könnte Ihnen da mehrere Unterlagen meinerseits zukommen lassen....da fragt man sich, wofür werden diese Leute eigentlich bezahlt? Nur, um andere zu schikanieren?????? Es hat wahrlich den Anschein!!!!!!!!

Sorry, falls mein Beitrag hier erscheinen sollte, will ich lieber noch einmal eine Definition von "wikipedia" beifügen! Es sind natürlich keine "Rosinenkacker". Rosinen sind viel zu gehaltvoll um diese Menschen zu beschreiben!
Aber ich möchte nochmals auf Tatsache hinweisen, was passiert, wenn die arbeitslose Mutter anstatt ihren vierteljährigen Vorstellungtermin auf dem Arbeitsamt termingerecht (auf die genaue Uhrzeit bezogen) nicht wahrnehmen kann, weil sie ihre Tochter anlässlich einer Sturmwarnung von ihrer 22 km entfernten Praktikumsstelle abholt! Dieser Sturm richtete im gesamten Gebiet gewaltige Schäden an, auch der Anfahrtsweg zum Arbeitsamt wurde durch umgefallene Bäume versperrt.
Aber das interessiert hier niemanden!!! Stattdessen bekommt die Mutter das Arbeitslosengeld für diesen Tag gesperrt. Eventuell wird noch eine Sperrfrist von mehreren Tagen angehängt. Na, zumindest kann die Mutter einen Ordner mit Schriftverkehr füllen, muss die Sperre in sämtlichen amtlichen Vorgängen angeben, bekommt mit Sicherheit eine Notiz in ihrer Akte vermerkt,...u.s.w., u.s.w.!
Mich würde einmal interessieren, was passiert, wenn eine Beamtin des Arbeitsamtes nicht pünktlich an ihrer Arbeitsstelle erscheint, weil sie aus irgendwelchen Gründen sich um ihr Kind kümmern musste...vielleicht streikten die Erzieher der Kita, o. ä.!!!
"Alle Menschen sind gleich, aber manche sind etwas gleicher"

Korinthenkacker

Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Korinthenkacker werden umgangssprachlich manchmal besonders pedantische „Kleinigkeitskrämer” bezeichnet. Die Korinthe ist die kleinste Rosinenart.

Der Korinthenkacker will die Dinge bis ins kleinste Detail, also „bis auf den so genannten i-Punkt genau” beschreiben und regeln. Seine betont „kleinlichen” Darstellungen und Sichtweisen können dabei durchaus richtig sein, aber seine Pedanterie wirkt dabei oftmals rechthaberisch.

Der Begriff ist im gesamten deutschen Sprachraum bekannt. Daneben gibt es analoge Bezeichnungen für „kleingeistige” und „rechthaberische” Personen. Im süddeutschen Sprachraum betitelt man derartige Menschen auch als i-Tüpferlreiter, in der Deutschschweiz, Westösterreich und in Südwestdeutschland vergleichbar als Tüpflischisser, Dippelschisser, Dipfalscheißer oder Dipfeleschisser.

Synonyme für Korinthenkacker sind Erbsenzähler, Kümmelspalter, Beckmesser, Piddelskrämer, Tüpflischeißer, in der Berliner Mundart Krümelkacker und in der baierischen Gscheidhaferl. Eine ähnliche Bedeutung hat auch Haarspalter. Modellbauer sprechen auch vom Nietenzähler. Das Englische Nitpicker heißt allerdings nicht Nietenpflücker, sondern Nissenpflücker.

Im Niederländischen hat das Wort eine andere Denotation. Hier ist mit Korinthenkacker als wörtliche Übersetzung von „Krentenkakker” (nl.) eher ein „Geizhals“ gemeint (, der keine Krente/ Korinthe seines Vermögens rausrückt), wohingegen ein „Kleinigkeitskrämer” bzw. „Erbsenzähler” als „Muggenzifter” (Mückensieber) oder bevorzugt als „Mierenneuker” (Ameisenficker) bezeichnet wird, ähnlich dem dänischen „Flueknepperen” (Fliegenficker) oder dem finnischen „Pilkunnussija” (Kommaficker).
Literatur [Bearbeiten]
Ulrich Ammon, Hans Bickel, Jakob Ebner et al.: Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Walter de Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-016575-9 (Gebunden, ISBN 3-11-016574-0 Broschur).

Ich kann nur jedem raten, niemals arbeitslos zu werden: Werdet alle Beamte...egal, wie...dann kann euch das niemals passieren!!! Dann sitzt ihr auf der richtigen Seite des Schreibtisches und dürft die auf der anderen Seite einmal mit gezielter Arroganz von oben herunterputzen. Am liebsten wäre mir ein Rollentausch!!!
So, damit habe ich meine Aggression mal wieder voll ausgelebt! Ich hoffe, Herr Zöller, sie sehen auch mal die andere Seite der Medaille....das tut nämlich bitter Not!

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Sie können andere Beiträge mit [quote]-Tags zitieren.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisiertem Spam vorzubeugen.