Ausgestoßen und geächtet: Kriegsverweigerer in Syrien
Foto: dpa/Taylor Chuck
Ahmed Rifai (rechts) musste ins jordanische Flüchtlingscamp Sataari flüchten. Er hatte sich geweigert, für die Rebellen der Freie Syrische Armee (FSA) zu kämpfen und wurde ausgestoßen.
In seinem Heimatdorf nahe Damaskus ist Mohammed Hamad nicht mehr erwünscht. Der 26 Jahre alte Apotheker hat zwar kein Verbrechen begangen oder gegen irgendwelche gesellschaftlichen Regeln verstoßen. Nein, er weigerte sich, für die syrischen Rebellen zu kämpfen. Wegen dieser Gewissensentscheidung musste er flüchten. "Die Freie Syrische Armee drückte mir ein Gewehr in die Hand und sagte "du bist entweder für uns, oder gegen uns"", erzählt Hamad.
Betrübt stochert er in dem kleinen Lagerfeuer vor seinem Zelt im jordanischen Flüchtlingscamp Sataari. "Wie kann ich ein Gewehr auf meine eigenen Leute richten?" Wie viele andere Syrer steht Hamad im Kampf gegen das Regime von Baschar al-Assad zwischen den Fronten. Wer sich nicht für eine Seite entscheidet, merkt schnell, dass Neutralität gefährlich sein kann. Dieser Entschluss kann sie die Arbeit kosten, die Heimat und sogar das Leben.
Schande, einen "Feigling" in der Familie zu haben
Je länger der Konflikt andauert, desto mehr Gefallene haben die Rebellen zu beklagen. Die Freie Syrische Armee (FSA) muss ihre Reihen auffüllen, um ihren Kampf fortführen zu können. "Wir brauchen jetzt jeden Mann, den wir kriegen können", sagt der 43-jährige FSA-Mann Abu Hani. Die Rebellen rekrutieren nun aktiv in den Dörfern. Sie fordern die Familien auf, ihre Söhne, Ehemänner und Väter an die Front zu schicken. Der Rebellenarmee beizutreten sei "völlig freiwillig", versichert die FSA.
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Aber einige Syrer beschuldigen die Rebellen, Druck auf junge Männer auszuüben: "Sie wissen ganz genau, dass es unmöglich ist, "Nein" zu sagen, wenn man vor dem ganzen Dorf gefragt wird, ob man sein Volk verteidigen werde", sagt etwa Mohammed Darawi. Er habe einen Herzfehler und sich deswegen geweigert. "Dein Ruf ist ruiniert und dein Leben vorbei." Ein anderer Flüchtling, Mohammed Homsawi, erzählt, eine Gruppe junger Männer habe seinen Laden angezündet, nachdem er es abgelehnt hatte, dem Widerstand beizutreten. Der 20 Jahre alte Ahmed Rifai wiederum erzählt, seine Familie habe ihn enterbt: "Es geht nicht nur um den Kampf, es ist geht darum dein Land, deine Heimat, deine Familie zu verteidigen", sagt er. "Für viele ist es eine unerträgliche Schande, einen 'Feigling' in der Familie zu haben."
Die Rebellen hätten Verständnis für zögerliche Rekruten, sagt Abu Hani. "Wir verstehen, dass nicht jeder einfach in den Kampf ziehen kann. Sie haben Familien." Doch nach mehr als 19 Monaten Konflikt hat die FSA angeblich begonnen, auch diese Gruppe anzuwerben. Für ihren Dienst an der Waffe bieten die Rebellen einzelnen Familienoberhäuptern inzwischen angeblich an, ihre Familien finanziell zu unterstützen oder diesen eine sichere Ausreise nach Jordanien zu ermöglichen.
"So etwas wie Zivilisten gibt es nicht mehr"
Jungen Männern, die sich weigern, das Regime zu unterstützen, droht weit mehr als soziale Ächtung. Weil er sich geweigert habe, einen Nachbarn zu verraten, sei er zwei Wochen lang gefoltert worden, erzählt der Elektriker Abu Muath aus der südsyrischen Provinz Daraa. "Ich habe ihnen gesagt, ich sei kein Oppositioneller und auch kein Spion. Nur Syrer", sagt der 42-Jährige und zeigt die frischen Narben an seinem Bein. "Das hat sie nur noch wütender gemacht."
Das Regime zieht die Schlinge um alle wehrfähigen Männer enger. Für Kriegsdienstverweigerer bleibt oft nur die Flucht in die Nachbarländer Türkei oder Jordanien. "In den Augen des Regimes ist jeder Mann, der keine Uniform trägt, ein potenzieller Terrorist", sagt der 20 Jahre alte Luai aus Daraa. "So etwas wie Zivilisten gibt es nicht mehr."
Trotz ihrer Flucht hoffen die Männer, dass ihre Entscheidung gegen die Waffe akzeptiert werden wird, wenn der Konflikt vorbei ist. "Ich will, dass meine Kinder wissen, dass ich auf der richtigen Seite gestanden habe. Auf der Seite der Menschen in Syrien", sagt Hamad.


Kommentare
Pfarrer für KDV-Beratung?
Haben unsere Landeskirchen noch Beratungspfarrer für Kriegsdienstverweigerer? Freilich wurden diese Stellen stark gekürzt, da bei uns keine Wehrpflichtigen mehr eingezogen werden. Hier könnte sich jedoch ein Bedarf ergeben, auch den jungen Christen in Syrien und den ökumenisch mit uns verbundenen Kirchen in Syrien die jahrzehntelange Erfahrung zur Verfügung zu stellen, die bei uns gemacht wurden.
Art. 4, Abs. 3 des
Art. 4, Abs. 3 des Grundgesetzes ist ein Jedermannsrecht, das auch syrische Flüchtlinge bei uns in Deutschland in Anspruch nehmen können: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden."
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