Hartz-IV-Empfänger sind nicht so faul, wie Deutschland denkt

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Foto: epd-bild /Norbert Neetz

Das Bild, das die meisten Menschen über Hartz IV im Kopf haben, ist voller wilder Geschichten über Faulheit und Leben auf Staatskosten. Die Realität sieht anders aus.

Sie hängen nur zu Hause herum, sind zu faul, sich um ihr Leben zu kümmern - und wenn ihnen ein Job angeboten wird, lehnen sie ihn ab: So oder so ähnlich denken viele Deutsche über Hartz-IV-Empfänger. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit (BA). Der Realität entspricht das Bild aber nicht. Das will die Arbeitsagentur mit einer Kampagne nun korrigieren.
16.10.2012 | von Anja Mia Neumann | dpa, mit Material von epd

Es gibt dieses Bild von Hartz-IV-Empfängern, das in zahllosen Doku-Soaps täglich über die Fernsehbildschirme flimmert: Samantha bekommt mit 15 ein Kind, ihre Mutter ist dick und interessiert sich nicht für ihre Tochter, der Vater wohnt ein Stockwerk tiefer in der Hochhaussiedlung und trinkt. Natürlich lebt die ganze Familie von der Grundsicherung: 374 Euro pro Erwachsenem, etwas weniger für Kinder und Jugendliche.

In der Mehrheit der Fälle stimme dieses Bild aber nicht, machen die Arbeitsvermittler am Dienstag in Berlin klar. "Meist sind diese Vorurteile Irrtümer", betont BA-Vorstand Heinrich Alt. Die will die BA nun mit einer Kampagne beseitigen. "Die Menschen wollen arbeiten", sagt Alt. "Wir wollen, dass sie in der Öffentlichkeit eine Chance bekommen." Denn die Vorurteile behinderten viele Betroffene auf ihrem Weg ins Berufsleben: Alleinerziehende, ältere Menschen, Behinderte.

In den Köpfen vieler Deutscher hat sich das Bild des "faulen Hartz-IV-Empfängers" aber festgesetzt. 55 Prozent der Befragten glauben laut der Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, dass Hartz-IV-Empfänger nicht selbst aktiv nach Arbeit suchen. 57 Prozent meinen, sie hätten zu hohe Ansprüche bei der Arbeitssuche und 55 Prozent sind sich sicher, dass Empfänger der Grundsicherung nichts Sinnvolles zu tun haben.

Die Hartz-IV-Empfänger entsprechen nicht dem Klischee

Eine von denen, die diese Vorurteile betreffen, ist ausgebildete Grafikdesignerin und wird vom Jobcenter in Berlin-Kreuzberg betreut. "Es gibt solche und solche Hartzer", meint die 28-Jährige, die ihren Namen nicht nennen möchte. Über 100 Bewerbungen hat die Berlinerin mit rot gefärbten Haaren geschrieben: ohne Erfolg.

"Ich liege nicht auf der faulen Haut, und Kinder bekomme ich auch nicht einfach, um etwas zu tun zu haben." Momentan überlege sie, umzuschulen. "Vielleicht im sozialen Bereich, Behinderte betreuen, könnte ich mir vorstellen. Etwas, das wirklich gesucht wird."

Dem Bild der Deutschen setzt die Arbeitsagentur ihre Fakten gegenüber: Die Mehrheit der rund 4,4 Millionen Hartz-IV-Empfänger - davon rund 1,9 Millionen Erwerbsfähige - passe nicht zum Vorurteil. Tatsächlich klopften 62 Prozent der Hartz-IV-Empfänger auf der Suche nach einem Job selbst bei Arbeitgebern an. 71 Prozent der Betroffenen sagten, sie würden auch Arbeit annehmen, für die sie überqualifiziert sind und 62 Prozent gehen trotz der Grundsicherungsleistung einer gesellschaftlich relevanten Tätigkeit nach.

Mehr Strafen als im vergangenen Jahr

Vor allem eines seien die meisten Hartz-IV-Empfänger nicht: faul. "Etwa ein Drittel ist erwerbstätig, die Hälfte in einem Minijob, andere in Teilzeit", sagt Alt. Hinzu kommen diejenigen, die Kinder betreuen oder einen Angehörigen pflegen. Arbeitgeber sollten sich besinnen und einfach mal denken: "Diese Menschen haben bei mir kein Plus, aber vielleicht auch kein Minus."

Trotz dieser Zahlen gegen das Vorurteil wird die Bundesagentur für Arbeit aber in diesem Jahr erstmals mehr als eine Millionen Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger verhängen. Die Agentur bestätigte einen entsprechenden Bericht der "Bild"-Zeitung. BA-Vorstand Alt betonte, bei den Sanktionen müsse man differenzieren: Nur elf Prozent würden ausgesprochen, weil sich ein Langzeitarbeitsloser weigere, eine angebotene Arbeit anzunehmen. Zwei Drittel der Strafen gingen hingegen auf Meldeversäumnisse zurück, zum Beispiel, weil ein Hartz-IV-Empfänger nicht zu einem vereinbarten Termin im Jobcenter erschienen sei.

Persönliche Erfahrung räumt mit den Vorurteilen auf

Die Prognose der Millionengrenze beruht auf der Hochrechnung der Sanktionsfälle aus dem ersten Halbjahr: Bis Ende Juni verhängten die Job-Center 520.792 Strafen. Dabei handelt es sich um eine Kürzung der Leistungen um mindestens zehn Prozent, kann aber bis zum zum völligen Entzug der Unterstützung führen.

Das "Erwerbslosen Forum Deutschland" sprach von "rücksichtslosen" Sanktionen. Steuerhinterzieher erführen mehr Gerechtigkeit, erklärte der Sprecher des Forums, Martin Behrsing.

Dem Ansehen der Hartz-IV-Bezieher helfen solche Nachrichten natürlich auch nicht. Was wirklich hilft, ergab die Allensbacher Studie, sind persönliche Kontakte: Menschen, die einen oder mehrere Hartz-IV-Empfänger persönlich kennen, bringen mehr Verständnis für deren schwierige Lebenssituation auf.

Kommentare

Es ist schon immer so gewesen und es wird sich auch ganz bestimmt nie etwas in diesem Staate daran ändern, dass es Menschen erster Klasse und Menschen 2. Klasse gibt.
Die ersteren können grundsätzlich machen was sie wollen. In der Regel werden ihre Verfehlungen von ihresgleichen gedeckt. So nach dem Motto: Wer am besten schmieren kann...eine Hand wäscht die andere....und dergleichen mehr.
Und dann gibt es noch die: von Unten. Leider haben sie grundsätzlich nicht die geringste Chance auch nur annähernd irgendwie unter zu kommen. Im Gegenteil: Durch gezieltes Mobbing werden sie genau dorthin getrieben, wo man sie haben möchte: in die Gosse!!! Da können sie strampeln-noch und nöcher- sie werden nie wieder einen Lichtstrahl im Leben erblicken!
Sie dürfen die ganze Drecksarbeit für die "1. Klasse-Menschen" verrichten, dann dürfen sie ihr Säcklein schnüren und dürfen sich verabschieden!
Nun schreit man aber: kommt, arbeitet ehrenamtlich! Dafür dürft Ihr dann auch mal ins Theater gehen oder ein Musikinstrument kostenlos erlernen.Warum wohl???
Wie man sich vorkommt, wenn man ganz da unten abgestellt wird, interessiert keine Sau! Irgendwann gibt es eben einen Sozialhilfeempfänger weniger! Wen interessiert das schon??? Da ist doch wohl etwas faul im Staate D..........!

Und wieviele Arbeitslose müssten vor einem Vorstellungsgespräch auf "Vermittlungsvorschlag" einer ARGE eigentlich erst mal in eine stationäre Psychotherapie? Weil systematisch, gezielt und auch gewollt ihr Selbstbewusstsein, ihr Selbstwert, ihr Wissen um ihr berufliches Können, ihre ganze Persönlichkeit, ja ihre Menschenwürde gnadenlos eingebrochen wurde wie beim gewaltsamen domestierenden Einreiten eines frisch gefangenen Wildpferdes im Wilden Westen? Um sie dann, falls tatsächlich gebraucht, ihrem selbst empfundenen "Restwert" entsprechend für qualifizierte Facharbeit "entlohnen" zu können nicht weit oberhalb eines Sklaven.

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