Ein neues Pfingsten, eine neue Kirche
Foto: Vera Rüttimann
Bischof Luigi Bettazzi bei der Konziliaren Versammlung in Frankfurt.
Die Paulskirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Es ist vollkommen still, als Hans Küng hinter seinem wuchtigen Marmor-Rednerpult zu den letzten Sätzen seiner Rede zum Auftakt der Versammlung ansetzt. Mit brüchiger Stimme sagt er: "Bewahren Sie trotz berechtigten Zorns und Resignation die Hoffnung auf eine Kirche, die wieder mehr aus dem Evangelium lebt und handelt. Ich werde meine Träume nie aufgeben, aber sie müssen nun von einer neuen Generation gelebt werden."
Zu seinem 85. Geburtstag werde er von der großen Bühne abtreten, erklärt der große alte Mann der katholischen Theologie. Das wäre im März nächsten Jahres. Weiter sagt er: "Lassen Sie sich bei aller Enttäuschungen nicht entmutigen. Kämpfen Sie zäh und tapfer weiter! Jetzt ist die Stunde der Gemeinden, die Kirche mit Reformen von unten zu retten." Die etwa 1.000 Anwesenden im Saal begreifen: Diese Rede ist Hans Küngs persönliches Vermächtnis.
Die Worte des Schweizer Kirchenkritikers (Foto: Vera Rüttimann), der vor 50 Jahren als junger Professor am Konzil teilnahm, schwingen in vielen noch nach, als sie sich an anderntags zu den Veranstaltungen im Frankfurter Bürgerhaus Gallus treffen. In über 40 Werkstätten machen sich nun Anhänger katholischer Reformplattformen wie "Wir sind Kirche", der "Pfarrer-Initiative", "Ungehorsam als Befreiungsschritte" und "Menschenrechte für Frauen - auch in der Kirche!" auf, die noch immer uneingelösten Konzilsreformen selbst in die Hand zu nehmen. Oder zumindest, darüber ausgiebig zu diskutieren.
Der harte Kern trifft sich
Den Teilnehmern – versammelt hat sich in Frankfurt der harte Kern der Unverzagten und Engagierten, die ausdauernd und zäh auf Reformen pocht - stellen sich prominente Gesprächspartner. In brechend vollen Sälen, festgehalten von einem ORF-Fernsehteam, sprechen prominente Persönlichkeiten wie die feministische Theologin Elisabeth Schüssler Fiorenza, die brasilianische methodistische Pastorin Nancy Cardoso, Helmut Schüller, der Initiator der österreichischen Pfarrerinitiative, oder der Journalist Michael Jäger.
Der eigentliche Star der Versammlung ist für viele Luigi Bettazzi. Der 89-jährige frühere Bischof von Ivrea ist einer der letzten noch lebenden Erstunterzeichner des sogenannten Katakombenpakts, in dem sich zahlreiche Würdenträger kurz vor Ende des Zweiten Vatikanums für eine Kirche aussprachen, die den Armen und Hungernden zugewandt sein sollte, und sich selbst zu einem Leben in Armut verpflichteten.
Es knistert im Saal
Wo immer der alte Herr, in dessen Gesicht sich in jeder Falte Lebensklugheit und Humor abzeichnen, in Frankfurt mit seinem Gehstock die Wege bahnt, surren die Kameras, geht ein Raunen durch die Menge. Es knistert im Saal, als er über die damalige Atmosphäre in Rom zu Zeiten des Konzils spricht, "als man in der Konzilsaula wirklich erfahren konnte, was Weltkirche bedeutet". Auch in Bettazzis Worten klingt ein Hauch von Vermächtnis mit, als er sagte: "Ihr seid die Hoffnung der Kirche. Vielleicht ist das heute ein Anfang."
Beim Wort "Ihr" – vor allem mit Blick auf die etlichen grauen Häupter - kommt bei einigen auch Unbehagen auf. Für Eva Maria Kiklas ("Wir sind Kirche") verharren etliche Engagierte noch immer zu sehr in binnenkirchlichen Fragen oder gar Konzilsnostalgie. Die Dresdnerin wünscht sich noch mehr verantwortungsvolle, protestierende und agierende Katholiken. "Ich vermisse konkrete, neue Gedanken und Ideen, die uns wirklich weiter bringen."
Vor der Deutschen Bank ist einige Stunden später jedenfalls eine Menge los. Die "Ordensleute für den Frieden" haben vor den stahlblauen Bankentürmen zu einer Protestaktion einberufen. Grimmig ragt das mitgebrachte Holzkreuz in den Himmel. Grimmig ist auch die Miene von Gregor Böckermann (Foto: Vera Rüttimann). Seit über 20 Jahren demonstrieren der 72-jährige Pater und seine Mitstreiter an jedem ersten Donnerstag im Monat vor dem Sitz der Deutschen Bank gegen den wachsenden Gegensatz zwischen Arm und Reich. Dass diese Aktion "ChristInnen gegen den Finanzkapitalismus" zum Programmpunkt der Konziliaren Versammlung gehört, beflügelt den Mann, der dem Orden der Weißen Väter angehört, erkennbar.
Ebenso die prominente französische Globalisierungskritikerin und Attac-Mitbegründerin Susan George. In ihrem flammenden Appell beklagt sie die unsoziale und undemokratische Krisenpolitik von EZB, IWF und EU-Kommission und ärgert sich über Superreiche, die sie "Davos-Klasse" nennt. Zum Schluss der Aktion legen die Ordensleute ein rotes Kreuz in Form von Stoffbändern zu Füssen der Bankentürme. Schäkernd beobachten einige Banker mit Latte Macchiato in der Hand die Szene. Mit Blick auf des unweit gelegene Occupy-Camp in der City wird Elfriede Harth nachdenklich: "Es ist bedenklich, wie sehr sich die katholische Kirche in den vergangenen Jahren um binnenkirchliche Fragen gedreht hat, während sie bei vielen gesellschaftspolitisch relevanten Fragen stumm blieb."
"Suchet der Stadt Bestes"
Um gesellschaftspolitische Fragen geht es auch am Nachmittag unter dem Motto "Suchet der Stadt Bestes – Sozialpastoral im Stadtteil". Ganz nach dem Motto Luigi Bettazzis, der sagte, Kirche müsse einfacher werden und sich um Arme kümmern, machen sich Versammlungs-Teilnehmer auf, um den Stadtteil Gallus zu erkunden. Er beginnt gleich hinter den Bankentürmen und hat mit 41 Prozent Ausländern den höchsten Anteil aller Stadtteile. Auf den Gehwegen liegen ausrangierte Fernseher und Matratzen. Überall sieht man Bettler und Obdachlose. "Die Armut hier ist bedrückend", sagt die Missionsärztliche Schwester Mariotte, die von Monika Stanossek begleitet wird. Diese ist Pastoralreferentin in der ökumenischen Sozialpastoral im gastgebenden Gallusviertel.
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Mit den Teilnehmern der Stadtteiltour besucht sie auch soziale Oasen. So etwa das Büro des "Nachbarschaftlichen Hilfswerks" der Caritas. Das Angebot des Hilfswerkes unterstützt bei der Lebensführung im Alltag mit Hilfen wie Spazierengehen oder Einkaufen und ermöglicht eine möglichst lange Selbständigkeit zu Hause. Eine weitere Station ist das Stadteilbüro "Soziale Stadt Gallus-Viertel", ein ökumenisches Projekt. Ehrenamtliche Mitarbeiter helfen beim Ausfüllen von Anträgen, bei Wohnungsproblemen und Lebenskrisen.
Fortsetzung denkbar
Zum Schluss der Konziliaren Versammlung wird im Saalbau Gallus ein Abschlussdokument verabschiedet, indem unter anderem gefordert wird, "die Glut des konziliaren Aufbruchsfeuers neu freizulegen und zu entfachen". Nicht wenige wünschen eine Fortsetzung der Versammlung. Nach vier Tagen ist für viele Teilnehmer deutlich: Die Kirche muss noch stärker am Puls der Gesellschaft dran bleiben und sich nicht in Parallelwelten verabschieden. Und: Während einige Kirchenobere jeden Dialog und jede Reformen verweigern, ist längst schon eine breit gefächerte Reformbewegung von unten entstanden. So sieht das auch Mitorganisatorin Barbara Imholz vom Münsteraner Institut für Theologie und Politik: "Was wir wollen ist ein neues Pfingsten, eine neue Kirche."


Kommentare
Irreführend
Das ist jetzt der -gefühlt- sechste Artikel zum Konzilsjubiläum -und so leid es mir auch tut, dass die katholischen Geschwister sich jetzt dem Scheitern der Reformziele stellen müssen- das Überangebot an Infos korrespondiert mit tiefem Schweigen zur innerkirchlichen evangelischen Anti-Reformbewegung gegen das Konzept "Kirche der Freiheit", das mittlerweile nicht mehr nur von der Basis ausgeht, sondern beispielsweise auch vom ehemaligen Pfälzer Kirchenpräsident. Die landeskirchlichen Zukunftskongresse finden hier auf evangelisch.de genauso wenig Beachtung, wie der AMD-Pfarrerkongress.
Die oben beschriebene Veranstaltung bringt gegenüber 70er oder 80er Jahre-Thesen hinaus überhaupt keine Impulse zu notwendigen Veränderungen der Kirche -zumindest ist das dem weitschweifigen Artikel nicht zu entnehmen. Also wozu diese Welle?
Fettes Dislike!
@ Idelette Calvin
Gegen Ihre Bewertung der konziliaren Versammlung möchte ich die eher euphorische Sicht der Autorin des Artikels in Schutz nehmen.
Die Versammlung vereinigte (erstmals?) die politisch aktiven Reformbewegungen der (katholischen) Kirche Deutschlands.
Sie war ökumenisch, feministisch, demokratisch und international.
Mit ihrem Schlussdokument, das sich selbst einfach nur "Botschaft" nennt, setzt sie ein deutliches Zeitzeichen und spricht eine Einladung aus, an der Reform der Kirche für eine andere Welt mitzuarbeiten.
Meiner Einschätzung nach steht diese Versammlung an einem historischen Punkt, wo offenbar ist, dass a) die katholische Kirche ohne grundlegende Reformen (in Europa) ins gesellschaftliche Nichts gerät - und b) unser Wirtschaftssystem seinen Zenit längst überschritten hat und auf eine Katastrophe zusteuert.
Bei nüchterner Betrachtung sind die Aussichten auf Veränderung in Kirche und Gesellschaft düster. Dennoch: Die Menschen, die sich in Frankfurt versammelten, erlebten im Austausch,im gemeinsamen Arbeiten und Feiern die Kraft und Lebendigkeit der Reich-Gottes-Botschaft.
Planung und Durchführung dieser Versammlung waren absolut professionell - in diesem Rahmen konnten sich die Teilnehmenden sehr konstruktiv einbringen.
Es waren Tage der Ermutigung und des Kraftschöpfens: ein mystisch-politisches Ereignis, das den Geist des II. Vatikanums atmete und dessen Licht weitertragen wird.
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