Schneider: "1517 war nicht der Beginn einer Spaltung"

EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider

Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Millionen Protestanten feiern an diesem Mittwoch den Reformationstag. Aus diesem Anlass äußert sich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, über Halloween-Bräuche, das Reformationsjubiläum und seine Gesundheit.
30.10.2012 | von Dorothea Hülsmeier | dpa

Sie waren nach einer Operation lange krank, Herr Schneider. Wie geht es Ihnen?

Nikolaus Schneider: Es geht gut aufwärts. Ich werde am Reformationstag zum ersten Mal wieder im Dienst sein. Es ist ein Prozess, wo ich merke: Kräfte wachsen mir wieder zu, ich werde wieder stärker und kann wieder konzentriert arbeiten.

"Die Frage, wie wir uns als Menschen verstehen und welches Bild wir von uns haben, ist ein hochaktuelles Thema"

Im Kalender steht heutzutage oft Halloween unter dem Datum 31. Oktober. Verdrängt Halloween den Reformationstag?

Schneider: So sind die Entwicklungen. Ich sehe das relativ gelassen. Halloween ist eine Tradition aus den Vereinigten Staaten. In einer sich immer weiter globalisierenden Welt greifen Traditionen ineinander und wachsen auch zusammen. Insofern wird diese Tradition auch in unserem Land von vielen übernommen. Es bleibt unsere Aufgabe, deutlich zu machen, warum wir den Reformationstag weiter feiern. Die Erfahrung zeigt, dass die Fragen der Menschen, wer sie eigentlich sind und was ihrem Leben Sinn und Halt gibt, wieder stärker werden. Gerade angesichts der Finanzkrisen, der Hohlheit und Gier, die damit verbunden ist.

Viele Menschen, auch Protestanten, kennen die Bedeutung des Reformationstags nicht mehr. Wozu ist der Reformationstag heute noch gut?

Schneider: Die Inhalte, um die es Luther ging, sind nach wie vor ganz aktuell - die Frage, wie wir uns als Menschen verstehen und welches Bild wir von uns haben, ist ein hochaktuelles Thema. Haben wir eine Verantwortung für uns und unsere Mitmenschen und für die Welt als Schöpfung Gottes? Diese Fragen werden immer bleiben. Denn daran entscheidet sich, wie sehr Gier, Egoismus, Gewalt herrschen oder wie weit wir in der Lage sind, eine Gesellschaft zusammen zu halten, für andere mitzudenken und solidarisch zu sein.

Die Zeit stellte kürzlich die Frage, ob wir den Reformationstag überhaupt noch feiern dürfen, wo doch alle von Ökumene sprechen.

Schneider: Ich finde es problematisch, wenn man sagt, 1517 war der Beginn der Spaltung. Das bestreite ich. 1517 war der Aufruf Luthers, eine völlig unhaltbar gewordene theologische und kirchliche Situation endlich zu reformieren. Das wollte nicht nur Luther. Das haben ganz viele Theologen und Intellektuelle damals gedacht. Die Reformation ist ja wie ein Lauffeuer durch ganz Europa gegangen. Das wäre überhaupt nicht möglich gewesen, wenn nicht ganz viele Menschen genauso gedacht hätten. Die wollten aber alle keine neue Kirche gründen, sondern die bestehende Kirche endlich gründlich reformieren, damit sie den Menschen wieder gerecht wird und ihrem eigenen Auftrag.

Bald kommt der 500. Jahrestag. Wie wollen Sie die Botschaft der Reformation wieder stärker unter das Volk bringen?

Schneider: Wir haben seit 2009 ein jährliches Motto, das auf 2017 hinführt. Dieses Jahr lautet es Reformation und Kirchenmusik. Das nächste Themenjahr in der Lutherdekade steht unter der Überschrift Reformation und Toleranz, und darin wollen wir uns auch mit den dunklen Seiten der Reformation auseinandersetzen. Diese Jahresthemen begleiten uns auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017.

Können wir in einem gemeinsamen liturgischen Bußakt sagen: "Seit der Reformation haben wir uns eine Menge angetan und da wollen wir gemeinsam Gott um Verzeihung bitten"?

Kann man unter dem Aspekt der Ökumene die Katholiken auf diesem Weg mitnehmen?

Schneider: Der Reformationstag wird schon jetzt zum Beispiel in nicht wenigen Gemeinden der rheinischen Kirche ökumenisch gefeiert. Wir sind im ständigen Gespräch mit der Bischofskonferenz und auf der Ebene der Landeskirche mit den Partnerbischöfen. Wir laden natürlich die römisch-katholischen Geschwister ein, mit uns den Weg zu gehen. Wir sind übereingekommen, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die ausloten soll, ob es 2017 einen gemeinsamen liturgischen Bußakt geben kann, wo wir sagen: Seit der Reformation haben wir uns eine Menge angetan und da wollen wir gemeinsam Gott um Verzeihung bitten. Denn in den wesentlichen theologischen Grundfragen sind wir ganz nah.

Sollte der 31. Oktober 2017 ausnahmsweise ein bundesweiter Feiertag sein?

Schneider: Das könnte ich mir vorstellen. Zumal der 31. Oktober ja heute schon in den ostdeutschen Bundesländern außer Berlin ein Feiertag ist. 500 Jahre Reformation ist schon ein außerordentliches Ereignis. Die Reformation hatte zwar im Kern ein geistliches Anliegen. Sie hatte aber auch ganz viele Folgen für Gesellschaft, Politik, Wirtschaft - ja, sie hat die Welt verändert. Das könnte einen Sonderfeiertag schon ganz gut rechtfertigen. Ein Feiertag könnte auch noch mal eines deutlich unterstreichen, nämlich dass wir 2017 nicht ein deutsches protestantisches Jubelfest feiern wollen, sondern ein internationales ökumenisches Gedenken der Erkenntnisse der Reformatoren und ihrer Folgen für heute. Und das wird über Luther hinausgehen. Da kommen die Schweizer, die Franzosen, die Engländer dazu.

Kommentare

Erst einmal: schön, dass es dem Herrn Präses Schneider besser geht! Möge seine Genesung weiter gute Fortschritte machen.
Dann noch eine Anmerkung zu Halloween: In Irland wurde in der Nacht zum 1.November das Sowin-Fest gefeiert im Übergang zum Winter. Da waren die Feenhügel offen, und die Menschen konnten Dinge erleben, die sie sonst nicht sahen. Die römische Kirche, die sich gegen die ursprüngliche irische, die eine eigene Färbung hatte, durchsetzte, legte auf diesen Tag das Fest Allerheiligen, in Irland blieb aber die vorchristliche Tradition erhalten und wanderte mit den Iren nach Amerika aus. Und als Halloween kam sie dann mit dem amerikanischen Konzern Walmart u.A. nach Deutschland. Und es ist ja richtig, dass da der Kommerz sich in den Vordergrund schiebt und das sicher auch zu Weihnachten und Ostern. Es ist auch richtig, dass wir Christinnen und Christen demgegenüber den Sinn der Feste nach außen vertreten und durch unser Handeln erscheinen lassen.
Deshalb hätte ich es gut gefunden, wenn der Herr Präses seiner Vorgängerin bei diesem Thema (und nicht nur dem) nicht geradezu widersprochen hätte. Er tritt doch so bescheiden auf. Aber wenn ich so etwas lese, dann glaube ich ihm nicht. Er will doch nicht etwa der Bessere sein? Herrschaftszeiten! Manchmal frage ich mich, wie christlich Ihr da oben an der Spitze der EKD eigentlich seid.

Ja, also, dass es keine kürbisschnitzenden Indianer gab, das wissen doch bestimmt alle!

Schön, dass er wieder auf dem Damm ist. Vor allem ist ihm zuzustimmen, dass die Inhalte, die die lutherischen Reformatoren bewegt haben, immer noch von Belang sind. Das ist dann sogar eine Annäherung an die katholische Kirche und kein Streitthema.

Vielleicht machen diese Gedankengänge ja noch deutlich, wie wir uns verrannt haben. Das verlorene Amt, Frauenordination, egozentrische Liturgie und Leuenberger Konkordie. Das sind ja alles Punkte, an denen der Protestantismus die kirchlichen Wurzeln verlassen hat. Vielleicht kommt mit dem Bußakt die Besinnung.

Na also, es scheint sich ja etwas zu bewegen!!! Herr Schneider, Sie haben Ihren Vornahmen zurecht bekommen!!!

Anne wrote:
Na also, es scheint sich ja etwas zu bewegen!!! Herr Schneider, Sie haben Ihren Vornahmen zurecht bekommen!!!

Wer oder was bewegt sich wohin?

1054 legten Humbert von Silva Candida und seine Begleiter die Bannbulle auf dem Hauptaltar der Hagia Sophia in Konstantinopel nieder und sprachen das Anathema über den Patriarchen und seine Anhänger aus.
1517 waren die Ost- und Westkirche seit fast einem halben Jahrtausend getrennt.
1971 baten die Wormser Katholiken Papst Paul VI. den Lutherbann aufzuheben. Ergebnis?
Das Ringen um den gnädigen Gott und die Erfahrung der Gnade Gottes haben wenig mit den kirchenpolitischen Winkelzügen irgendwelcher Amtsträger zu tun. Der Geist weht, wo er will. (Johannesevangelium 3, 8)
Es fällt uns Christen schwer unseren jüdischen, christlichen (katholischen, orthodoxen und protestantischen), islamischen, hinduistischen, buddhistischen und gottlosen Nächsten zu lieben wie uns selbst.

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