Kooperation statt Konkurrenz - Die "Gemeinwohl-Ökonomie"

Die "Gemeinwohl-Ökonomie"

Foto: epd-bild/Hanna Spengler

Schreiner Lodziato setzt auf Regionalität und Nachhaltigkeit und unterstützt die Gemeinwohl-Initiative.

Es ist die Idee von einem menschenfreundlichen Wirtschaften: Die "Gemeinwohl-Ökonomie" setzt auf Solidarität statt Egoismus. Und das interessiert auch Unternehmen und Banken.
08.11.2012 | von Hanna Spengler | epd

Gerechtigkeit statt Gier, Solidarität statt Egoismus: In einem Hörfunkbeitrag hört der Westallgäuer Schreiner Richard Lodziato (46) zum ersten Mal von der Idee der "Gemeinwohl-Ökonomie". "Zuvor hatte ich häufig mit Bekannten über unser Wirtschaftssystem diskutiert, immer mit dem Resultat: Unsere Welt wird vom Geld regiert und wir haben keine Chance", erinnert sich der Betreiber der Werkstatt "Astelier" bei Wangen, in der er Kurse mit Wildholz für Kinder und Erwachsene anbietet.

Seit einigen Monaten ist der Schreiner Unterstützer der Gemeinwohl-Ökonomie, einer Initiative, die sich für menschenfreundliches Wirtschaften einsetzt. Sie geht zurück auf den österreichischen Autor und Globalisierungskritiker Christian Felber. Mehr als 850 Unternehmen aus rund 15 Staaten, Vereine und Politiker engagieren sich in der Gemeinwohl-Ökonomie, darunter die Sparda-Bank München, die Bahntechnik-Firma Rhomberg und der Outdoor-Bekleidungshersteller Vaude.

Mensch und Umwelt im Mittelpunkt

Transparenz, Selbstorganisation der Arbeit, Bio-Fair-Küche: Das Modell einer Gemeinwohl-Ökonomie sieht ein Wirtschaften vor, das den Menschen und die Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Es beruht auf privaten Unternehmen und individueller Initiative. Betriebe streben aber nicht in Konkurrenz zueinander nach größtmöglichem finanziellen Gewinn, sondern kooperieren. "Ziel ist das größtmögliche Gemeinwohl", erklärt Christian Felber, der auch Mitbegründer von attac Österreich ist. Ein direkt gewählter Wirtschaftskonvent soll nach seiner Theorie das "Gemeinwohl" definieren, wie es von allen Unternehmen verbindlich angestrebt werden soll.

In acht Ländern - Österreich, Deutschland, Italien, Schweiz, Liechtenstein, Spanien, Argentinien und Honduras - sind regionale Unterstützungsgruppen entstanden. An der Universität Salzburg soll ein "Lehrgang für Gemeinwohl-Ökonomie" eingerichtet werden. 50 Kommunen wollen sich als "Gemeinwohl-Gemeinde" zertifizierten lassen.

"Regionalität und Nachhaltigkeit, das sind eben Dinge, die mir in meiner Arbeit wichtig sind", sagt Schreiner Lodziato. Viele Unternehmen hätten jedoch Angst, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, wenn sie sich gemeinwohlorientiert verhielten, sagt Felber. Es sei daher wichtig, "Beziehungswerte" wie Ehrlichkeit, Verantwortung und gegenseitiges Helfen auch gesetzlich zu belohnen.

Schon heute möglich: Die "Gemeinwohl-Bilanz"

Jenseits der Utopie können Unternehmen schon heute eine "Gemeinwohl-Bilanz" erstellen. Darin legen sie Rechenschaft darüber ab, wie sozial verantwortlich, ökologisch nachhaltig, demokratisch und solidarisch sich das Unternehmen verhält.

Dabei wird Gemeinwohlstreben belohnt: Wer etwa offen kalkuliert, wer einen Betriebskindergarten einrichtet oder alle Vorprodukte aus biologischem Anbau, fairem Handel oder regionaler Erzeugung bezieht, erhält laut Konzept Gemeinwohlpunkte.

Die Sparda-Bank München eG erstellt seit Oktober 2011 als erste Bank eine Gemeinwohl-Bilanz. "Wir beleuchten konkret, wie ethisch unsere Produkte und Dienstleistungen sind, wie ökologisch wir uns verhalten oder wie wohl sich unsere Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz fühlen", sagt Vorstandsvorsitzender Helmut Lind. In der ersten Gemeinwohlmatrix habe die Bank 332 von 1000 möglichen Punkten erreicht.

Ein Zeichen setzen

Durch die Teilnahme wolle man ein Zeichen setzen, sagt Lind, dessen Bank derzeit 700 Mitarbeiter beschäftigt. "Es ist möglich, als Unternehmen in unserer modernen Zeit sozial und ökologisch gerecht zu handeln - wenn man den Willen dazu hat." Durch die Gemeinwohl-Ökonomie-Bilanz sei man in vielen Bereichen noch viel bewusster geworden.

Auch der Outdoor-Ausrüster Vaude aus Tettnang im Allgäu unterstützt seit rund einem Jahr das Modell. Zwar sei die Gemeinwohl-Bilanz nur "ein ergänzendes Instrument" neben anderen wertvollen Umweltaudits und "nicht besser" als diese, sagt die Umweltbeauftragte des Unternehmens, Hilke Patzwall. Die Gemeinwohl-Ökonomie-Bilanzierung sei jedoch im Vergleich zu anderen Umweltmanagement-Systemen wie EMAS (Eco-Management and Audit-Scheme) oder GRI (Global Reporting Initiative) "einfacher, emotionaler und nicht so technisch".

Vorsicht ist nach Ansicht Patzwalls bei der Interpretation der Gemeinwohlpunktzahl geboten. "Das sagt nicht so viel aus", sagt die Umweltbeauftragte. Die Bilanzierung nach Gemeinwohl-Kriterien habe ihrem Unternehmen jedoch noch mal einen neuen Blickwinkel auf das Thema Nachhaltigkeit eröffnet. Zudem sei die Anschaulichkeit ein Vorteil in der Unternehmenskommunikation. Schreiner Lodziato schöpft durch die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie Hoffnung. "Da hat jemand die Fragen zu Ende gedacht. Nur lieb sein zueinander reicht eben nicht."

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