Staatsrechtler hält Beschneidungs-Urteil für "verfehlt"

Justitia

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Mit seiner Entscheidung zum Beschneidungsverbot hat das Landgericht Köln eine Kontroverse ausgelöst. Der Staatsrechtler Hans Michael Heinig bezeichnete das Urteil als "rechtlich, kriminalpolitisch und religionspolitisch verfehlt".
27.06.2012 | von Rainer Clos | epd

Das Elternrecht zur religiösen Erziehung werde darin nicht hinreichend berücksichtigt, sagte Heinig dem Evangelischen Pressedienst. "Das Gericht bemüht antireligiöse Stereotype, etwa mit der These, die religiöse Zugehörigkeit entspreche nicht dem Kindeswohl; vielmehr könne erst der heranwachsende Junge selbst über die Beschneidung entscheiden."Als bedenklich bezeichnet es der Rechtswissenschaftler, dass in der Kölner Entscheidung die Beschneidung mit der Prügelstrafe gleichgesetzt werde. Damit trage das Landgericht dem Ausgleich der Grundrechte nicht hinreichend Rechnung.

Die Beschneidung eines minderjährigen Jungen aus religiösen Gründen stellt nach Ansicht des Kölner Landgerichts eine Körperverletzung dar und ist deshalb strafbar. Die Richter argumentierten, die religiöse Beschneidung sei ein dauerhafter und irreparabler Eingriff für das Kind. Der Junge könne aufgrund dieses Eingriffs später nicht mehr selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden. Zugleich würden die Religionsfreiheit und das Erziehungsrecht der Eltern nicht unzumutbar beeinträchtigt, wenn die Eltern abwarten müssten, ob sich das Kind später selbst für oder gegen eine Beschneidung entscheide. Der angeklagte Arzt wurde freigesprochen, er habe aus einem "unvermeidbaren Verbotsirrtum" heraus gehandelt, befand das Gericht.

"Triumph antireligiöser Eiferer"

Kriminalpolitisch sei es unsinnig, ausgerechnet den Arzt zu kriminalisieren, sagte Heinig, der Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland ist. Denn mit der Abdrängung der religiösen Beschneidung in die Illegalität drohe die Einschaltung von Pfuschern. Dann seien echte Gesundheitsrisiken für die Kinder zu befürchten.

Fragwürdig sei das Beschneidungsurteil auch aus religionspolitischer Sicht, sagte Heinig: "Welches Signal geht denn in Richtung Judentum aus, dass ausgerechnet in Deutschland nun ein strafrechtliches Beschneidungsverbot bestehen soll?" Auch sei zu fragen, was dieser "Triumph antireligiöser Eiferer" für jene Muslime bedeute, die in hohem Maße integrationswillig seien, aber bestimmte religiöse Traditionen doch pflegen wollten.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte zuvor den Bundestag aufgefordert, Rechtssicherheit zu schaffen. Das Kölner Urteil stelle einen beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften dar. Die Entscheidung sei ein unerhörter und unsensibler Akt, sagte Zentralrats-Präsident Dieter Graumann. In der jüdischen Religion sei die Beschneidung von neugeborenen Jungen ein fester Bestandteil und werde seit Jahrtausenden weltweit praktiziert.

Kommentare

Sorry, aber das muss doch nicht sein. Kann doch auch sachlich argumentiert werden ohne gleich in den Boulevard-Chargon zu verfallen.

Anderes Gedankenspiel:
Eltern lehen aus religiösen Motiven sämtlichen medizinischen Behandlung ab. Eine nötige Operation zur Korrektur einer Gaumenspalte (nicht lebensbedrohlich, nur "unschön") darf nicht durchgeführt werden. Können diese Eltern nun unter Berufung auf das Urteil fordern, dass die körperliche Unversehrtheit des Kindes gewahrt werden muss?

Ein Kind mit Gaumenspalte ist bereits nicht mehr "unversehrt" sondern "beschädigt". - Und bei einer Gaumenspalte - abhängig von der Tiefe - kann eine Operation indiziert sein, wenn Atmung, Sprache, erhöhtes Infektionsrisiko etc. betroffen sind. Es ist keine "Schönheitsoperation" sondern eher eine "Reparaturoperation".

Hinter dem Urteil steckt auch die Vorstellung, dass die Eltern kein Recht haben, ihre Kinder religiös festzulegen, das betrifft auch uns Christen. Es wäre gut, wenn sich dazu auch die christlichen Kirchen äußern würden!

Mit großem Entsetzen und zorniger Fassungslosigkeit höre ich von diesem Urteil des Landgerichts in Köln. Als Christin und evangelische Pastorin weiß ich, welche Bedeutung es hat, Kinder von Beginn ihres Lebens an mit einer bestimmten Religion vertraut zu machen, denn wir Menschen verstehen Religion am besten, wenn wir sie von Innen heraus lernen. Dazu gehören selbstverständlich alle entsprechenden Zeichen, Riten und Traditionen des konkreten Glaubens: In meinem christlichen Glauben ist es u.a. die Taufe, im jüdischen Glauben u.a. die Beschneidung. Als Bundeszeichen sind diese Riten, wie sie von Alters her vollzogen wurden, von unschätzbarem Wert. Die Möglichkeit und Verantwortung der Eltern zur religiösen Erziehung wird meiner Ansicht nach durch das Urteil des Gerichts in Köln unhaltbar eingeschränkt.

Ich halte daher das Urteil des Landgerichts Köln für einen schrecklichen Angriff auf die Freiheit der jüdischen Religionsausübung, ebenso die Religionsfreiheit der Muslime und letzten Endes damit auch auf meine eigene Religionsfreiheit als Christin. Besonders entsetzt bin darüber, dass ausgerechnet hier in Deutschland ein solches Urteil gefällt wird!
Ich möchte deshalb klar meine Solidarität mit allen Angehörigen der Religionen, die durch dieses Urteil angegriffen sind, ausdrücken. Insbesondere unterstütze ich die Forderung des Zentralrats der Juden in Deutschland an den Bundestag, Rechtssicherheit zu schaffen und so die Religionsfreiheit zu schützen.

"auf meine eigene Religionsfreiheit als Christin" - seit wann werden Christen beschnitten?
Wenn Sie alle Riten erlauben, dann sind Sie auch FÜR den Inzest der Kirschblütengemeinschaft und FÜR das Beschneiden von Mädchen und für das Verprügeln von Kindern zur Züchtigung in einigen Religionsgemeinschaften und für ....???
Gerade in Deutschland ist ein Urteil zur Unversehrtheit der Kinder (aller Religionen) wichtig - unterschiedslos!

Wie führt man eine Zirkumzission bei Mädchen durch? Antwort: Gar nicht - erstens weil es gar nicht geht und zweitens weil die sogenannte Beschneidung von Mädchen ein schweres Verbrechen ist. Die Ähnlichkeit des sprachlichen Ausdrucks hat null und gar nichts mit der Beschndiung zu tun um die esebei deiem Ppornerkl hier geht. Dass sie wie selbstverständluchh annehmen alle Menschen müssten zwangslaüffig ihre atheistischen Ansichten teilen weil diese Ihne selbst unmitlebar logisch und einsichtig seien ist übrigens die große Krux des Glaubens Atheismus. Der Atheismus kann sich selbst nicht in Relation setzen.

wie stehts mit Ihrer Toleranz gegenüber Scientology? Dieser Verein versteht sich auch als Religionsgemeinschaft und macht kleine Kinder von Beginn an mit seiner Religion vertraut.

Das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit sollte in Deutschland eigentlich selbstverständlich sein - traurig, dass man darüber überhaupt diskutieren muss. Ich bin entsetzt über die Stellungnahme der EKD zu diesem Thema - das sage ich als Mitglied der evangelischen Kirche.

Was haben Erwachsene im Intimbereich eines Kindes zu suchen? Nichts! Ausnahmen sind medizinische oder pflegerische Gründe, also Handlungen, die zum Wohle des Kindes notwendig sind. Ein verletztender Eingriff, wie ihn die Beschneidung aus religiösen Gründen darstellt, ist meiner Meinung nach nicht zu tolerieren. Gut, dass das Gericht hier eine klare Position bezogen hat.

Ich verstehe auf der anderen Seite die Sorgen vieler Gläubiger in der heutigen Zeit. Vieles von dem, was wir mit Glauben und Kirche verbinden, ist im Schwinden begriffen. Aber ich halte es für völlig verfehlt, dieses Urteil nun als einen Teil der Zurückdrängung und des Schwindens des Glaubens in unserer Gesellschaft zu sehen. Das Wohl der Kinder steht bei diesem Urteil im Mittelpunkt, nichts anderes. Es gibt wahrlich genug andere Bereiche, wo wir uns als Christen dafür einsetzen können, unseren Glauben zu stärken - für uns und zum Wohle anderer.

Soche Einstellungen klingen "nett" - aber ehrlich gesagt: Was bitte sollte ein Ashkenazim wie Heinrich Heine, Levi Strauß oder Albert Einstein an Deutschen eigentlich wirklich "nett" finden - ausser dem Fakt, dass sie selbst auch Deutsche waren? Bleiben konnten die drei hier jedenfalls nicht. Deutschland ist mehr oder weniger das Land in dem keiner bleiben will, sondern jeder bleiben muss - und die paar wenigen die wirklich gerne Deutsche sind werden weggegällt, vertrieben oder kztiert.

Sie können sich übrigens absolut sicher sein, dass Juden und Muslimen das Wohl ihrer eigenen Kinder weitaus mehr am Herzen liegt als Ihnen das Wohl derer Kinder am Herzen liegen kann.

Die derzeitige Vorgehensweise der ach so guten, edlen und hilfreichen deutschen Staatsatheisten und/oder Staats[pseudo]humanisten gegen Andersgläubige besteht in einem simplen und einfachen sich selbsterfüllenden Trick. Man verbietet Ärzten Beschneidgunen durchzuführen - also werden das in Zukunft unqualifizierte Personen machen müssen - demzufolge werden die Probleme die bisher gar nicht existierten erst künstlich geschaffen - um sich dann im Nachzug selbst zu bestätigen dass man die Welt nun doch in Ordnung bringt.

Sie können doch nicht allen Ernstes behaupten, dass es Kindern gut tut, wenn sie von ihren Wurzeln durch staatliche Zwangsmaßnahmen entfremdet werden, die im strikten Widerspruch zu den Menschenrechten stehen und einzig und allein weltweit on Deutschen als positiv aufgefasst werden. Am deutschen Wesen wird die Welt nicht genesen - das war noch nie so und wird auch niemals so sein. Deutschland macht sich wieder mal nur erneut lächerlich. Leider erstickt einem in sohen Zusammenhängen das Lachen immer in einem Charly Chaploin Bärtchen.

http://youtu.be/I7_pU3Kt1TA

Ich, evangelischer Christ und Religionslehrer, bin entsetzt über die Naivität, Uninformiertheit und Kinderfeindlichkeit meiner Brüder und Schwestern in der Ev. Kirche!

Ich hatte gehofft, dass die Evangelische Kirche als Bastion einer religiösen Aufgeklärtheit gerieren und erklären würde, dass das Urteil des LG Köln die rechtsstaatlich und moralisch einzig richtige Position einnimmt. Und dass ein Gott, der Vorhäute sammelt wie Rentner Briefmarken, vielleicht nicht unbedingt dem Menschenbild des Neuen Testaments entspricht. Weit gefehlt. Die Kirchenvertreter biedern sich in einer unerträglichen Weise den konservativen Eiferern der jüdischen und islamischen Religion an, anstatt darauf hinzuweisen, dass es auch in diesen Religionsgemeinschaften einen wachsenden Widerstand gegen die Genitalverstümmelung von unschuldigen Knaben gibt. Ich bin aus diesem Grund jetzt aus der Evangelischen Kirche ausgetreten, der ich 65 Jahre lang angehört habe. Wer Näheres wissen will, schaue auf meine Webseite.

ich werde aus den gleichen Gründen nun endgültig der katholischen Kirche den Rücken kehren....

misty wrote:
ich werde aus den gleichen Gründen nun endgültig der katholischen Kirche den Rücken kehren....

Gute Idee. Auf selbsternannte Gottesvermittler sollte eigentlich jeder selbstständig denkende Mensch verzichten können.

Die sexuelle Funktion der Vorhaut ist nicht zu unterschätzen. Man könnte das weiter ausführen. Sollte aber nicht nötig sein- Denn liebe Männer überlegt doch mal selbst! Ich jedenfalls würde nicht darauf verzichten wollen. Auf jeden Fall eine Steigerung!

Eine Steigerung in welcher Hinsicht?
Wie genau kommen Sie zu Ihrer Entscheidung, da Sie ja nicht wissen wies "ohne" so ist.

Klingt irgendwie nach "Ne, nen Gummi nehm ich nicht, das fühlt sich ja nicht echt an" Sprüchen.

Hi Christoph, ich wisse nicht, wie es ohne ist. Nur weil, ich mit einem Regenschirm aus dem Haus gehe, soll ich nicht wissen, was ein erfrischender Landregen ist...

Die Vorhaut stimuliert die Eichel und das Penisbändchen, um es nur einmal beim Namen zu nennen. Das sind erogene Zonen.

Das kannst Du hier sinngemäß nachlesen:

http://www.sueddeutsche.de/wissen/nach-dem-koelner-urteil-beschneidung-i...

oder hier

http://www.maennerarzt-linz.at/startseite_maennerarzt/beschneidung--waru...

oder es einfach mal selbst ausprobieren. Viel Spaß dabei!
Das ist alles nichts Neues.

Ach so wegen Gummi, Christoph. Der Vergleich ist in Ordnung und führt doch zum eigentlichen Problem an den rituellen Beschneidungen. Letztlich sollte jeder mit seiner Frau selbst entscheiden, wie er seine Sexualität leben will. Und nicht die Eltern, wenn man noch Kind ist. Im Endeffekt ist die Beschneidung ein Symbol an einer sensiblen Stelle, das sagen will: Du gehörst zu uns. Du kannst Dich nicht von unserer Religion abwenden. Das da unten, das bleibt und das ist weit mehr als eine Taufe, wenn man sich seiner Freundin erklären muss.

Natürlich hingt mein Vergleich, aber der Regenschirm ist nicht wirklich besser. Genauso muss man keine Drogen konsumiert haben, um über Ihre für den Körper schädliche Wirkung aus wissenschaftlichen Artikeln Bescheid zu wissen. Dennoch fehlt immer der Blick in den Kopf des Konsumenten.

Und da Sie nicht beschnitten sind, fehlt Ihnen dieser letzte Vergleichspunkt zwischen Sex "mit" und Sex "ohne".

Ja, die Eltern sagen genau das zu Ihrem Kind: Du gehörst zu uns. Aber das bedeutet nicht, dass die Religion nicht wechselbar bist.

"wenn man sich seiner Freundin erklären muss" Sorry, wie soll ich mir das vorstellen?
Wenn es wirklich die Freundin ist, hoffe ich doch mal, dass Sie ein wenig über den Mann weiß. Woher er kommt (damit meine ich nicht Migrationshintergrund), seinen Backround (nicht dass es schon Kaffee und Kuchen bei Muttern gab), seine Hobbys oder so. Wenn Sie daraus (z.B. weil er Kemal Atatürk heißt) nicht geschlossen hat, dass er Moslem oder Jude (beim Namen Ben Gurion) und somit beschnitten ist, stellt sie also beim ersten mal fest "Upps da fehlt aber was". Und jetzt kommt also die große "Erklär mal Schatz"-Frage? Oder erst nach dem Koitus? Was ist dann an der Antwort "Ich bin/war Judi, ich bin/war mal Moslem". Damit find ich ist die Sache gegessen. Wenn die Freundin sich dann interessiert, warum nicht mehr, sollte doch jeder in der Lage sein zu sagen "das ganze Religionsdings gibt mir nicht" etc.,

Ist das so schwer?

Meine Frau und ich sind übrigens sehr zufrieden mit unserem "beschnittenen" Sexleben.

Deine Überlegungen sind gut nachvollziehbar, Christoph. Aber letztlich laufen nach meinem Dafürhalten alle Erwägungen für und wider auf die Schlussfolgerung hinaus, dass es jeder selbst entscheiden sollte (mit Religionsmündigkeit von 14 Jahren), und nicht die Eltern für einen. Ein Recht der Eltern, dies für einen für alle Zeit festzulegen, sehe ich jedenfalls nicht, auch nicht aus Gründen einer Religionsfreiheit, denn das Kind hat beide in Frage stehenden Rechte auf seiner Seite, sowohl die Religionsfreiheit als auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Was mich noch interessieren würde. Ich kenne mich im Islam und im Judentum in dieser Detailfrage nicht so aus: Aber es ist es für das religiöse Heil unabdingbar, dass das Kind im Säuglingsalter beschnitten wird oder würde eine (dann selbstbestimmte) Beschneidung mit 14 Jahren, diese religiöse Funktion auch, und sei es annähernd, erfüllen. Wenn das nämlich so wäre, dann müsste rein rechtlich die Religionsfreiheit nach dem Prinzip der praktischen Konkordanz der Grundrechte zurücktreten hinter dem Recht auf körperliche Unversehrtheit ("Leib"), denn eine maximale Wahrung beider Rechte ließe sich mit einer selbstbestimmten Beschneidung im Jugendalter erreichen.

Auch wenn es oft und gern behauptet wird, die Beschneidung ist weder im Judentum noch im Islam konstituierend. Kein Jude oder Muslim fällt aus seiner Religion, wenn er nicht beschnitten ist. Es geht hier einzig um die Deutungshoheit rsp. die Machtfrage im Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Und genau deswegen hängen sich auch unsere Kirchen so rein in die Debatte. Es gibt inzwischen auch die Praxis der Brit Shalom als Ersatz der Brit Mila. Im Islam wird keinerlei Zeitpunkt genannt, zu dem beschnitten werden soll. Die Sache steht nicht mal im Koran. Beschneidung von Jungen und auch Mädchen werden dort durch sogenannte Hadithe legitimiert. Und zumindest alle vier Rechtsschulen des sunnitischen Islam halten sie mindestens für ehrenvoll oder sogar für eine Pflicht. Ich wiederhole noch einmal: auch die Beschneidung von Mädchen. Diese Beschneidung wird zu Recht in allen ihren Formen geächtet, auch in der leichtesten (Anritzen oder Entfernung der Klitorisvorhaut), die physiologisch das Äquivalent zur Jungenbeschneidung darstellt.
Es gibt also keinerlei zwingenden Grund, sein Kind zu beschneiden. Daher wird von den Befürwortern auch so schwurbelig argumentiert. Fragen nach der zwingenden religiösen Notwendigkeit werden nicht argumentativ aufgelöst. Und gerne werden angebliche medizinische Vorteile ins Feld geführt, die zum einen in den allermeisten Fällen gar nicht zutreffen oder erst im Erwachsenenalter (ab Geschlechtsreife) einen gewissen Vorteil haben (und mit der religiösen Sichtweise aber auch gar nichts zu tun haben). Dabei wird natürlich unterschlagen, daß diesen Vorteilen auch Nachteile gegenüber stehen, die weit gravierender sind als die Vorteile. Beispiele dafür:

HIV - Prävention und die Empfehlung der WHO: diese Empfehlung hat die WHO für Hochrisiko-Gebiete und sexuell aktive Männer auf freiwilliger Basis ausgesprochen --> diese Einschränkungen werden in der Argumentation gern "vergessen". Hinzu kommt, daß es dazu auch gegenteilige Meinungen gibt, diese Maßnahme also nicht unstrittig ist.

Gebärmutterhalskrebs: mal ganz davon abgesehen, daß man hier argumentiert, das Recht des Kindes zu Gunsten eines Dritten einzuschränken, aber das ist zur Zeit sehr umstritten. Die Studie, die das belegen soll, hatte einen Fehler. Die "beschnittene" Kontrollgruppe bestand aus jüdischen Frauen beschnittener Männer. Inzwischen haben israelische Forscher belegt, daß die Ursache in der Genetik der Frauen liegt, die Studie damit obsolet ist. Eine Metastudie aus 2007 ergab keinerlei Zusammenhang. Auch hier gibt es allerdings Zweifel, ob die Studie korrekt ist. Erwiesen ist aber auch, daß häufiger Partnerwechsel, Rauchen etc. das Risiko erhöhen. Zusammengefasst kann mal also sagen, ein Zusammenhang ist zumindest nicht so offensichtlich, wenn es ihn aber gibt, dann bei sexuell aktiven Menschen. Und damit erübrigt sich in diesem Punkt die Beschneidung von Babies.

Es gäbe noch weitere Beispiele, aber darüber kann man sich einfach im Internet informieren.
Gern wird auch von Beschneidungsbefürwortern als Argument angeführt, daß in den USA ca. 75% aller Männer beschnitten sind. Damit soll der gesundheitliche Aspekt betont werden. Auch hier werden aber einige Teile der Situation "vergessen": 1999 hat sich auch der US-amerikanische Verband der Kinderärzte gegen die routinemäßige Zirkumzision ausgesprochen. Die Raten der Beschneidung sind mittlerweile stark fallend (2009: 32,5%). Dieses Argument ist daher auch keine Stütze mehr. In anderen Ländern sieht es vergleichbar aus.

Nachteile sind Komplikationen bis hin zum Tod: in den USA allein über 100 tote Jungs pro Jahr, dazu posttraumatische Belastungsstörungen, Infektionen, Rezidiv-Phimosen oder Verengung der Harnröhrenmündung. Auch wird schon mal zuviel weggeschnitten, und wenn man sich als Mann vorstellt, daß da was komplett fehlt, ist man den Eltern sicher sehr dankbar, wenn dieser Eingriff ohne zwingende Notwendigkeit gemacht wurde.

Auf den ersten Blick ist mir nicht nachvollziehbar, wie der Staatsrechtsprofessor das Urteil einfach als "rechtlich verfehlt" bezeichnen kann, ohne diese Abwägung der praktischen Konkordanz der Grundrechte, was jeder Jurastudent spätestens im zweiten Semester lernt, wirklich nachzuvollziehen und darauf überhaupt erst einzugehen, mal abgesehen davon zu welchem Ergebnis er letztlich käme. Natürlich leuchtet mir bei genauerem Hinsehen ein, dass Professor Heinig, der von der Evangelischen Kirche in Deutschland bezahlt wird, hier nicht ansatzweise versucht, ein juristisch fundiertes Statement abzugeben, sondern einzig bemüht ist, in kirchenpolitischer Lobbyarbeit seine eigene "Pfründe" und die seines Brotgebers zu sichern und nach "Hirtenmanier" seine Schäfchen ins Trockene zu bringen, damit ihm seine eigenen Felle nicht davonschwimmen. Wenn er sein Handwerkszeug ob dieser Motive jedoch vollkommen vergisst, wirkt dies nicht überzeugender, sondern billig, auf solche, die ebenfalls "vom Fach" sind; und das sind einige, die über diese Frage noch zu befinden haben. Karlsruhe ist weit weg von Göttingen.

Wenn man einmal von der religiösen Verbrämung absieht, gibt es eigentlich doch nur zwei rationale Entscheidungen zu treffen.

1. Ist die Beschneidung ein Angriff auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder nicht.

2. Bedeutet die Garantie der ungehinderten Religionsausübung, dass aufgrund religiöser Vorschriften Grundrechte außer Kraft gesetzt bzw. Gesetze übertreten werden dürfen.

Mir scheint, dass kein Zweifel daran besteht, dass die Beschneidung für sich genommen eindeutig eine Körperverletzung ist. Ich erspare mir hier , auf die albernen Vergleiche mit Ohrstechen und Impfungen einzugehen. Insofern wird das Kölner Urteil ja auch nicht kritisiert. Da Grundrechte und Gesetze für alle uneingeschränkt und gleich gelten müssen, verböte sich von daher schon, für Religionen eine Ausnahme zu machen. Für einen Religionsanhänger kann nicht erlaubt sein, was für einen Atheisten verboten ist. Ich erinnere daran, dass der Bundestag plant, nur die rituelle Beschneidung straffrei zu stellen. Das wäre dann ein Zwei-Klassen-Recht.

Was die Religionsfreiheit angeht, so muss man doch fragen, was da genau garantiert wird. Die ungehinderte Ausübung der Religion ist ein viel zu weiter Begriff, als dass man ihn nicht präzisieren müsste. Meines Erachtens sollte die Formulierung lauten: Die ungehinderte Ausübung der Religion wird garantiert, sofern nicht Grundrechte oder die allgemeinen Gesetze des Staates verletzt werden. Eine religiöse Vorschrift kann doch nicht einen höheren Rang haben als ein verfassungsmäßiges Grundrecht bzw. ein staatliches Gesetz. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, wie alt die Tradition ist. Im übrigen glaube ich, dass man unterscheiden sollte zwischen dem Recht auf Ausübung der Religion und dem Recht auf Fortführung einer Tradition oder Kultur. Das wird nämlich nicht garantiert.

Im übrigen bin ich entschieden der Meinung, dass jede religiöse Erziehung von Kindern eine schwere "Körperverletzung" darstellt. Ich kann aus eigenem Erleben versichern, dass die schädlichen Folgewirkungen dieser Gehirnwäsche im späteren Leben nur mit äußerster Kraftanstrengung gemildert und nie ganz beseitigt werden können.

Professor Richard Dawkins, der weltbekannte britische Evolutionsbiologe, hat einmal die leidenschaftliche Überzeugung für eine bestimmte Religion als einen geografischen Unfall bezeichnet. Er sagte in einer Diskussionsrunde sinngemäß zu einer Christin: "Wären Sie in Saudi Arabien geboren worden, würden Sie ebenso leidenschaftlich an Allah glauben. Wären Sie in Indien geboren worden, würden Sie genauso leidenschaftlich an Lord Krishna glauben. Sie sind, was Ihre Eltern aus Ihnen gemacht haben."

Das kann ich nur dick unterstreichen. Vielleicht kann man darüber ja mal nachdenken.

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