"Befiehl Du Deine Wege": Pilgern mit Luther

Lutherweg

Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn

Die Kirche von Wohlsdorf bei Köthen in Sachsen-Anhalt ist eine Station auf dem Lutherweg.

2017 wird der Thesenanschlag Martin Luthers 500 Jahre zuvor, am 31. Oktober 1517, bundesweit mit unzähligen Veranstaltungen begangen. Auf dem Lutherweg in Sachsen-Anhalt kann man sich schon vor dem großen Jubiläum auf seine Spuren begeben. Von Wittenberg nach Eisleben und über Halle (Saale) zurück in die Lutherstadt an der Elbe führt die 410 Kilometer lange Tour. Eine Strecke, an der man jede Menge Wissenswertes über Schaffen und Leben des Reformators erfahren und zudem Menschen, Landschaften und Sehenswürdigkeiten des Bundeslandes im Osten Deutschlands kennenlernen kann. Auf dem Weg kommt man auch im Geburtsort des Liederschreibers Paul Gerhardt vorbei.
13.07.2012 | von Corinna Willführ

Es war das Jahr 1511 als Martin Luther seine Reise nach Rom unternahm. Ein Aufenthalt in der katholischen Metropole, nach der der Theologe sich in seiner Ansicht bestärkt sah, dass das Pilgern und das mit Ablässen verbundene Wallfahrten "Narrenwerk" seien. Über das nach Jerusalem und Rom seit dem Mittelalter bedeutendste Pilgerziel Santiago de Compostela am Ende des Jakobswegs schrieb er gar: "Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt."

Autor

Corinna Willführ

ist freie Journalistin.

Doch seitdem sind mehr als 500 Jahre vergangen, und der Protestantismus hat, wie Pfarrerin Dorothea Hillingshäuser auf der Homepage der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau schreibt, "im Pilgern eine neue Liebe gefunden." Heute trägt sogar eine Pilgerstrecke den Namen des Reformators: der 410 Kilometer lange Lutherweg. Er führt vom Zentrum der Reformation in Wittenberg zur Geburts- und Sterbestadt des Kirchenerneuers nach Eisleben.

Gen Osten geht der Weg von dort weiter nach Mansfeld-Lutherstadt oder gen Westen über Halle (Saale), Bitterfeld und Kemberg zurück nach Wittenberg. "Ich begrüße es sehr, dass die 40 Stationen auf diesem reformatorischen Pilgerweg Martin Luthers Freiheit aus Glauben und seine Verantwortung für die Welt auf neue Weise lebendig werden lassen", sagt der Schirmherr des Lutherwegs, Bischof Wolfgang Huber, früherer Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Die Schlosskirche zu Wittenberg ist Auftakt des Pilgerwegs

Gewiss, die Schlosskirche zu Wittenberg, an deren Tür Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen genagelt hat, ist zum Auftakt des Pilgerwegs eine der bedeutendsten Stationen. Zumal der Reformator ebenso wie sein Freund und Mitstreiter Philipp Melanchthon dort lange gelebt haben. Aber wer kennt das Eremitenkloster in der Collegienstraße, in dem der Augustinermönch Luther von 1508 bis 1546 lebte? Wer die Stadtkirche oder das Melanchthon-Haus, den  dreigeschossigen Renaissancebau, den sein Freund Melanchthon nur wenige Schritte weiter bewohnte? Für Wittenberg lohnt es sich allemal einen Besichtigungstag vor dem Start auf dem Pilgerweg einzuplanen – nicht nur wegen der seit 1996 zum Unesco-Welterbe gehörenden Sehenswürdigkeiten.

Infografik: epd-bild/Oliver Hauptstock

Dessau – ein Name, der mit der Bauhauskultur verbunden ist. Indes: In der St. Petri-Kirche, mitten im Dessau-Wörlitzer-Gartenteich gelegen, predigte Luther schon im Jahr 1532. Das Gartenreich, ebenfalls Unesco-Welterbe, im 18. Jahrhundert angelegt von Franz von Anhalt-Dessau ist mit seinen klassizistischen Schlössern Luisium und Georgium, dem Park Großkühnau und dem Rokokoensemble Mosigau scheint’s ein Park von "unendlicher Weite". An der nächsten Station des Lutherwegs Dessau-Roßlau lohnt neben dem Besuch des Johannbaus, des Palais Dietrich und des Georgiums ein Blick in die St. Johannis-Kirche, beherbergt das Gotteshaus doch drei Tafelgemälde aus der Cranach-Werkstatt.

Das Geburtshaus des Reformators in Eisleben

Und weiter geht es auf dem Weg – über Zerbst nach Steckby zur Radfahrerkirche St. Nicolai, vorbei an der Bach-Gedenkstätte in Köthen zum Schloss Bernburg. In Unterrißdorf erreicht man die "Kalte Stelle". Über sie vermerkte Luther an seine Frau Katharina im Februar 1548, "dass ihm das Herz zu Eis gefror" und er ""kranck ward ym einfahren." Nach wenigen Kilometern erreicht der Pilger die Stadt Eisleben, in der Martin Luther am 10. November 1483 geboren wurde. Auch hier trifft er auf ein Unesco-Welterbe: das Geburtshaus des Reformators. Das Gebäude in der Lutherstraße 15 beherbergt die Dauerausstellung "Von daher bin ich – Martin Luther und Eisleben." Und von daher ging er: Denn in Eisleben erinnert eine Gedenkstätte an den letzten Aufenthalt Martin Luthers. Am Andreaskirchplatz 7 befindet sich sein Sterbehaus.

Doch der Pilgerweg, der Luthers Namen trägt, führt noch weiter: zu seinem  Elternhaus in Mansfeld, zur Marktkirche Unsere liebe Frau, in der eine Totenmaske Luthers verwahrt wird. Schließlich auf dem Hauptweg bis zur St. Marien-Kirche in Kemberg.  In der Gemeinde lebte Anfang des 16. Jahrhunderts der Propst Bernhardi. Der Freund Luthers war 1521 der erste Geistliche, der eine Frau ehelichte.

Die Liste der Kirchen auf dem Lutherweg in Sachsen-Anhalt ist auch von Eisleben zurück nach Wittenberg noch lang – und die Veranstaltungen, die in diesem Jahr, dem fünften der Luther-Dekade (2008-2017) unter dem Motto "Die Musik ist eine Gabe Gottes" stattfinden, umfangreich. Ob nach dem Konzert in einer Kirche oder auf einer Station auf dem Pilgerweg: Die Menschen sollen ins Gespräch kommen über die Reformation, die, so Wolfgang Huber, "den kirchlichen und den gesellschaftlichen, den politischen und den kulturellen Raum geprägt hat." Auch den der Gemeinde Gräfenhainichen, 25 Kilometer südlich von Wittenberg. In ihr wurde der neben Luther bekannteste evangelische Kirchenliederdichter Paul Gerhardt geboren. Aus seiner Feder stammt die Zeile "Befiehl Du Deine Wege". Eine Aufforderung, der sich heute auch Menschen auf dem Lutherweg anschließen können, die auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens sind – auch ohne einer Konfession anzugehören.

Kommentare

Der Text ist gut, nur Musik und Stimme nerven extrem!!!!

250mal hatte Luther belegt gegen die "Bescheißerey" des Pilgerns und Wallfahrens gewettert. Erst recht würde er gegen diese "Beutelschneiderei" in seinem Namen poltern.
Aber deutlicher kann die EKD ihre Position nicht offenlegen: Luthers Theologie hat keinen Einfluß mehr, nur noch der Kulturzwerg zählt, sofern sich damit Aufmerksamkeit und Kohle gewinnen läßt.
Nur wird dann das Jubiläum zur Farce, wir könnten gleich mit der katholischen Kirche fusionieren.

Nun Luther hat doch wohl eher gegen die mit Geld zu erkaufenden Ablässe auf den Wallfahrten und wider den Mitpilgern gewettert, als gegen eine beschauliche Wanderung.
Auf diesem historischen Weg zur Erkundung des Lebens des Reformators ist keiner zum Geld ausgeben gezwungen. Eintritt frei, es kostet nur ein wenig Mühe.

Warum muss man da von "pilgern" sprechen, nennen Sie es "Wandern auf Luthers Spuren" und alles ist gut.

Naja nicht ganz, denn "Pilgern" ist in, und sicher hat eine Marketingagentur ohne rechte Ahnung vorgeschlagen das ganze Pilgerweg zu nennen. Dass bringt mehr Gäste. Womit wir beim Thema Geld wären.

Aber an sich ist an einer historischen Reise doch nichts Verwerfliches zu entdecken?

P.S. Bitte immer bedenken, welche Art Pilgerreisen und welches Rom Luther selbst erfahren hat. Seine Vorwürfe haben nur noch wenig mit dem heutigen Pilgern zu tun.

treffen seine Vorwürfe das bunte Treiben rund um den Pilger-Hype 2012 , oder nicht. Der Kern seiner reformatorischen Kritik war die "Selbsterlösung", wie sie die katholische Kirche in Theologie und Tat propagierte.
Und die scheint sich hier durch die Hintertür wieder reinzupilgern. Auch für Karl Barth wär´s wahrscheinlich schwer zu verkraften "Religion ist Unglaube" und Pilgern eine religiös-rituelle Ersatzhandlung.
Schuld an allem ist, wie Sie treffend bemerkten, der schludrige Umgang der -nach Selbstauskunft- "Kirche des Wortes" mit dem Begriff "Pilgern".
Nüchternen :) Wanderungen und Museumsbesuchen kann ich eine Menge abgewinnen.
Hier bleiben uns Evangelischen aber Theologen und Kirchen-Marketing einen anständig protestantischen Klärungsprozess schuldig.

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