Kirche ja, aber bitte ohne Predigt

Besucher in der Dresdner Frauenkirche

Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Die Dresdener Frauenkirche ist ein beliebtes Touristen-Ziel. Erst wird geknipst, danach besinnen sich einige der Reisenden.

Kölner Dom, Dresdner Frauenkirche oder kleine Dorfkapelle: Jeden Zweiten zieht es im Urlaub in Kirchen und Klöster. Die meisten sind vor allem kulturell interessiert. Doch eine diffuse Sehnsucht nach Ruhe und Einkehr bleibt.
25.08.2012 | von Von Karen Miether | epd

Margrit und Willi Kappenberg verlangsamen ihren Schritt, als sie die Marktkirche in Hannover betreten. Sie heben die Köpfe zum Gewölbe über den mächtigen Pfeilern der gotischen Hallenkirche. "Ich bin fasziniert von dem roten Backstein und von der Stille hier", flüstert Margrit Kappenberg. Das Ehepaar aus Burgwedel bei Hannover sucht nach einem Einkaufsbummel einen ruhigen Moment abseits der Baustellen der Stadt. Doch auch auf Reisen gehen die Kappenbergs regelmäßig in Sakralbauten und auf Friedhöfe - wie viele andere Urlauber auch.

"Touristen mögen Kirchen und Klöster", sagt der hannoversche Fachhochschulprofessor Ralf Hoburg. Er hat für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers im vergangenen Jahr die Motive der "anonymen Kirchenbesucher" erforscht, die außerhalb der Gottesdienste kommen. Mehr als die Hälfte der 325 Befragten aus 18 Dörfern und Städten besuchen der Studie zufolge häufiger Kirchen.

Auch eine Untersuchung der Uni Paderborn und der Thomas-Morus-Akademie belegt: Jeder zweite Deutsche rechnet Kirchen und Klöster zu den beliebtesten Zielen im Urlaub. Die meisten allerdings sehen die Gebäude als eindrucksvolle Sehenswürdigkeiten - und weniger als Orte des Glaubens.

"Die Kultur interessiert mich", sagt Irina Niller, während sie in der Marktkirche Fotos aus der bewegten Geschichte des Baus studiert, dessen Ursprünge im 14. Jahrhundert liegen. Die junge Frau aus Kasachstan will während ihrer Deutschlandreise auch etwas über das Land erfahren, aus dem ihre Großmutter stammte.

Besinnung und Ruhe, um sich zu finden

Bei jedem dritten Kirchenbesucher steht nach Hoburgs Forschungen ein kulturhistorisches Interesse im Vordergrund: Die Kirche wird als Zeugnis der Vergangenheit gesehen. "Noch ist das Bewusstsein da, dass dort auch Gottesdienste gefeiert werden. Ich vermute aber, dass es in großen Kirchen wie der Dresdner Frauenkirche allmählich verloren gehen wird."

Immerhin hat nach seinen Daten noch fast jeder fünfte Kirchentourist zumindest ein diffuses Interesse an Glauben und Andacht. Selbst bei spontanen Besuchen bleiben viele oft bis zu einer halben Stunde, manche zünden Kerzen an und sprechen ein Gebet. "Das ist eine Unterbrechung des Alltags. Sie sehen die Kirche als einen Ort, an dem sie zu sich selbst kommen können."

Vor allem Klöster versprächen eine Gegenwelt, sagt der Potsdamer Psychologieprofessor Christoph B. Melchers. "Da kommt es nicht darauf an, über das Neuste informiert zu sein und sich in Szene zu setzen, sondern Klöster stehen für Beständigkeit und Bescheidenheit", urteilt der Leiter des Institutes für Markt- und Kulturforschung "zweieinheit". "Sie versprechen etwas, was es sonst schon gar nicht mehr zu geben scheint."

Auf der Suche nach etwas, das bleibt

Im Alltag würden Menschen von Sinnversprechen überhäuft, die von der Entspannung beim Yoga bis zur Chance auf Reichtum reichten, sagt der Psychologe, der über "spirituellen Tourismus" geforscht hat. "Manche sind das leid und suchen etwas Bleibendes."

Eine Statistik der Klosterkammer Hannover unterstreicht diesen Trend: Mehr als 110.000 Gäste besuchten im vergangenen Jahr die 15 evangelischen Damenklöster und Stifte in Niedersachsen. Besonders hoch im Kurs standen dabei die sechs Klöster in der Lüneburger Heide, in denen noch heute Gemeinschaften evangelischer Frauen leben.

Auch für die Tourismusbranche ist so etwas attraktiv: Wenn im kommenden Jahr das evangelische Kloster Loccum bei Nienburg sein 850jähriges Bestehen feiert, bieten gleich mehrere Reiseveranstalter ihren Kunden Fahrten zu dem historischen Kleinod an. Loccum ist eine der besterhaltensten Klosteranlagen Deutschlands.

Gemeinden offen für Touristen

Neben Highlights wie dem Kölner Dom und der Dresdner Frauenkirche, die zu den zehn meistbesuchten Touristenzielen in Deutschland gehören, findet auch die kleine Dorfkapelle Liebhaber, wenn sie an den Routen der Reisenden liegt. Immer mehr Gemeinden reagieren darauf, indem sie die Türen auch außerhalb der Gottesdienstzeiten öffnen. An Radwanderstrecken machen mittlerweile bundesweit 175 Radwegekirchen Urlaubern besondere Angebote wie Bänke und Tische für eine Rast.

In der Marktkirche in Hannover hat sich das Ehepaar Kappenberg in die erste Stuhl-Reihe gesetzt. Mitglieder einer Kirche sind sie nicht mehr.  "Aber wir haben schon ein Verhältnis zum Glauben", sagt Willi Kappenberg, während er den Altar und die bunten Glasfenster betrachtet. Zwei Paare aus Dänemark lichten einander mit ihren Smartphones neben dem Taufbecken ab. Und Monika Wäldner, die ehrenamtlich Aufsicht führt, erläutert ihre ganz eigene Theorie über die Gäste: "Die kommen nicht nur, um die Kirche abzuhaken und zu fotografieren. Sie sind Suchende, ohne dass sie sich darüber im Klaren sind."

Kommentare

Ja, nun, vielleicht lässt sich das, was die Leute suchen, hier gar nicht mehr finden. Es ist nur eine Art Ersatzreligion, die uns nur noch bruchstückweise daran erinnert, dass es vor langer Zeit ein authentisches Christentum, eine authentische Kirche gegeben hat. Man müsste sich schon die Mühe machen, nach diesen authentischen Wurzeln zu fragen, die gegenwärtig ziemlich verschüttet sind. Die Frage ist doch, wo Du z.B. echtes Gebet findest. Genauso ist das auch mit der Predigt. Wer fragt denn ernsthaft nach Gottes Wort, ohne seine eigenen Ideen oder einfach Zeitgeistiges an dessen Stelle zu setzen? Wer wagt es denn, wirklich das Wort Gottes zu predigen, sich zum Wort der heiligen Apostel zu bekennen? Wer richtet denn sein Leben nach den heiligen göttlichen Ordnungen? Gibt es heute Menschen, die ihre persönlichen Vorlieben zurückstellen, um allein für den Heiligen Israels zu brennen? Denen man an jeder Faser ihres Wesens die göttliche Liebe abliest, die ihr Leben opfern, so dass Du spürst, Du hast einen Heiligen vor Dir? Die Erde ist doch ausgetrocknet, die Kirche hat seit langem keinen göttlichen Platzregen erlebt, wir haben doch allesamt vergessen, was schön ist. Die meisten übertrumpfen sich doch in Selbstdarstellung. Leider hat das mit einem authentischen Christentum oder gar mit der einen, heiligen, apostolischen und allumfassenden Kirche reichlich wenig zu tun. Da müssen wir erst wieder auf die Knie und Busse tun für all die Frevel, die wir auf dem Gewissen haben, das unentwegte Verleugnen Christi, den Lärm, mit dem wir alles zuschütten, was uns an Gott erinnert. Wo findest Du denn ein Psalmgebet? Wo findest Du echte Bemühung, Hören auf Gottes Wort?
Doch allein dort, wo einer, wo das Volk wirklich vor Gott steht, und nichts anderes wissen will als Christus allein. Christus, den Sohn Gottes, der allein alles neu macht.

[quote=Andreas]Ja, nun, vielleicht lässt sich das, was die Leute suchen, hier gar nicht mehr finden. Es ist nur eine Art Ersatzreligion, die uns nur noch bruchstückweise daran erinnert, dass es vor langer Zeit ein authentisches Christentum, eine authentische Kirche gegeben hat.

Was für eine Zeit meinen Sie? Und ging es da den Menschen tatsächlich besser als heute hier bei uns?

>Die Frage ist doch, wo Du z.B. echtes Gebet findest. Genauso ist das auch mit der Predigt. Wer fragt denn ernsthaft nach Gottes Wort, ohne seine eigenen Ideen oder einfach Zeitgeistiges an dessen Stelle zu setzen?

Die Menschen fragen schon nach "Gottes Wort"; wer das ernsthaft tut, erkennt allerdings, dass es "Gottes Wort" gar nicht gibt, sondern dass alles nur des Menschen Wort ist.

>Die Erde ist doch ausgetrocknet, die Kirche hat seit langem keinen göttlichen Platzregen erlebt, wir haben doch allesamt vergessen, was schön ist.

Schönheit ist Geschmackssache - ich z.B. finde die Vielfalt der Natur schön.

>Die meisten übertrumpfen sich doch in Selbstdarstellung.

Ja, da gibt es schon peinliches zu sehen - aber wer das brauch und damit glücklich wird...

>Leider hat das mit einem authentischen Christentum oder gar mit der einen, heiligen, apostolischen und allumfassenden Kirche reichlich wenig zu tun.

Aber Sie können doch nach christlichen Regeln hier leben - wo ist Ihr Problem?

>Da müssen wir erst wieder auf die Knie und Busse tun für all die Frevel, die wir auf dem Gewissen haben, das unentwegte Verleugnen Christi, den Lärm, mit dem wir alles zuschütten, was uns an Gott erinnert.

Sie können doch auf die Knie fallen, hat doch niemand was dagegen? Warum sagen Sie "wir" und wem meinen Sie eigentlich mit "wir"?

Meine spontane Reaktion: Das geht gar nicht! Die Predigt ist für mich der Mittelpunkt des Gottesdienstes.

Mit etwas mehr Überlegung fallen mir ein: 1. Ein Besuch in der Kathedrale von Salesbury, wo gerade ein Chor gregorianisch sang, umwerfend in dieser Umgebung. 2. Eine Ostermesse in Almeria in Spanien mit allem Schmuck, die ich auch toll fand und wo mir eine Predigt nichts genützt hätte, weil mein Spanisch dafür nicht reicht.

Fazit: Ich sehe das entspannt. Eigentlich ist es eine gute Chance für die Kirche, die Leute zu erreichen und ihre Botschaft zu verrmitteln.

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