Von der Fähigkeit der Menschen, sich selbst zu helfen

Niebel reist mit Kirchenvertretern nach Kenia

Foto: epd-bild/Thomas Koehler

Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) und der Vorsitzende der Evangelischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe, Prälat Bernhard Felmberg (r.), in einer Baumschule der Moro Self Help Group in Moro ( Kenia).

Sie haben oft die gleichen Themen und scheinen doch aus verschiedenen Welten zu stammen: Mit Kirchen mag man Dirk Niebel nicht so recht in Verbindung bringen. Jetzt unternahm der Minister mit Kirchenvertretern eine Kenia-Reise - in größter Harmonie.
20.08.2012 | von Ann Kathrin Sost | epd

Zwei Männer in Schwarz, einer mit Militärmütze - Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP), der evangelische Prälat Bernhard Felmberg und der katholische Prälat Karl Jüsten sind auf den ersten Blick ein ungleiches Gespann. Dabei verbindet die Kirchen mit der Bundesregierung seit einem halben Jahrhundert eine besondere Beziehung: 1962 begann die offizielle Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirchen in der Entwicklungshilfe. Aus diesem Anlass besuchten die drei nun Projekte in Kenia - am Montag kehrten sie zurück.

Von einer "fairen, freundschaftlichen Ebene" spricht Niebel, wenn es um die Zusammenarbeit mit den ja durchaus auch kritischen Kirchen geht. Für Felmberg, den Ratsbevollmächtigten der Evangelischen Kirche in Deutschland, ziehen in der Entwicklungshilfe beide grundsätzlich an einem Strang: "Wir haben alle ein Ziel - die Menschen zu befähigen, sich eine eigene Zukunft in ihrem Land zu bauen."

Nur das Missionieren ist ausgeschlossen

Tatsächlich ist die Zusammenarbeit von Staat und Kirche in Deutschland außergewöhnlich. Anders als andere Organisationen bekommen die Kirchen vom Staat einen gehörigen Vertrauensvorschuss: Sie erhalten ein Budget, bei dem sie eine Mitfinanzierung zusichern. Welche Projekte sie mit dem Geld unterstützen, steht den beiden Kirchen frei - nur das Missionieren ist ausgeschlossen. 2012 erhalten die Kirchen jeweils 108 Millionen Euro.

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Staat und Kirchen in der Entwicklungszusammenarbeit
Seit 1962 arbeitet die Bundesregierung offiziell mit den beiden großen Kirchen in der Entwicklungspolitik zusammen. Zu diesem Zweck wurden im selben Jahr die Evangelische und Katholische Zentralstelle für Entwicklungshilfe (EZE und KZE) gegründet. Sie sind Hauptansprechpartner für den Staat in Entwicklungsfragen und koordinieren den Einsatz der Fördermittel. Das 50-jährige Bestehen wird am 6. September in Bonn gefeiert.

Ein besonderes Privileg, das sie unter anderem wegen ihrer Nähe zur Bevölkerung erhalten, sagt Niebel. In Kenia wird das besonders deutlich: 83 Prozent der Menschen hier sind Christen, die Kirchen spielen eine tragende Rolle im Alltag. Und immer wieder retten sie auch Leben.

Zum Beispiel das der HIV-positiven Mama Hellen, die den Prälaten und dem FDP-Mann ihre Geschichte erzählt: In ihr Heimatdorf in der verarmten Provinz Nyanza am Viktoriasee kam sie nach Jahren, um zu sterben, berichtet die in bunte kenianische Stoffe gekleidete stämmige Frau. Hier traf sie auf das Entwicklungsprogramm der anglikanischen Kirche, das mit Förderung des deutschen Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) das Selbsthilfepotenzial von Dorfgemeinden auslotet.

Hilfe zur Selbsthilfe

"Ich habe einen schwachen Körper, aber mein Geist ist stark", stellte die resolute Mama Hellen dort fest. Sie nahm an einem Kurs zum Umgang mit HIV teil und startete mit Medikamenten und ausgewogener Ernährung. Weitere Schulungen machten sie zur Geschäftsfrau: Mama Hellen hält nun Bienen, züchtet Tomaten, verkauft Wasser aus einem eigenen Sammeltank und kann sich jetzt ein großes Steinhaus bauen. "Die Leute können es gar nicht glauben, dass jemand mit HIV so einen Erfolg haben kann", sagt sie.

Solche Geschichten gefallen Niebel wie auch den Prälaten. Mit dem Projekt geht der EED über das etablierte "Hilfe zur Selbsthilfe" hinaus. Das Programm sieht sich mehr als Moderator denn als Helfer. Wer Unterstützung anfragt, lotet gemeinsam mit den Mitarbeitern das Potenzial aus.

Die Bewohner entscheiden selbst, was sie brauchen, vorgefertigte Vorschläge gibt es nicht - und Geld auch nicht. Mama Hellen zum Beispiel nahm immer wieder Kredite auf, die sie auch abzahlte. Ganz ähnlich verfährt die katholische Kirche bei ihren Projekten, erfahren die drei Herren bei dem Besuch eines Dorfes, das stolz den neuen Laden und einen üppigen Garten präsentiert.

Liberales Vokabular in der Bibel

Den Kirchen ist wichtig, dass die Menschen auf diese Weise emanzipiert, in ihrer Entscheidungsfähigkeit ernst genommen werden: Dem christlichen Verständnis von der Würde des Menschen wird so entsprochen.

So würde Niebel das nicht ausdrücken. Ihm dürfte gefallen, wie kostengünstig diese Art der Hilfe ist. Neue Entwicklungsstrategien hin zu mehr Selbstverantwortung sind zugleich Kirche wie Staat eigen. Sahen sich die einen früher als "barmherzige Samariter", die anderen als Helfer mit mehr oder minder offenem Eigeninteresse, setzen beide Seiten heute verstärkt auf die Fähigkeiten der Menschen, sich selbst zu helfen.

Da passen Kirche und Regierung dann auch mal rhetorisch unerwartet gut zusammen. Als Felmberg in Kenia das Evangelium heranzieht, nach dem "Freiheit und Verantwortung" untrennbar zusammengehörten, lacht Niebel. Liberales Vokabular in der Bibel, das gefällt dem FDP-Minister.
 

Kommentare

"Alles! - Nur nicht Missionieren!"

So steht es oben im Text: "Welche Projekte sie mit dem Geld unterstützen, steht den beiden Kirchen frei - nur das Missionieren ist ausgeschlossen." Das weckt bei mir sehr zwiespältige Gefühle.

Der Staat ist nicht dazu da, der Kirch bei der Umsetzung ihrer religiösen Ziele zu helfen, oder? Wenn das so ist, dann darf er ihr natürlich kein Geld für ihre Mission geben: "Gehet hin in alle Welt und verkündigt das Evangelium aller Kreatur!" - So weit, so gut.

Liegt es aber überhaupt daran, dass es kein Geld für die Mission gibt, weil sie eines der religiösen Ziele des Christentums ist? Oder liegt es viel eher daran, dass man sich mit einem so oft missverstandenen und missbrauchten Begriff nicht schmücken will? Also an einem falschen Verständnis von Mission?

Aber auch wenn es das reine Interesse an der Religionsneutralität des Staates ist, dessentwillen es kein Geld für die Missionn gibt: Ist denn die christliche Nächsteliebe nicht auch ein religiöser Auftrag? Die Kirche handelt nicht aus entwicklungspolitischem Kalkül, sondern, weil ihr Herr Jesus Christus es ihr so vorgelebt und befohlen hat!

Instrumentalisiert (ja, manipuliert) der Staat nicht also die Kirche, wenn er ihr zur Umsetzung des einen religiösen Ideals, der Nächstenliebe, Geld gibt, für das andere, die Mission, aber nicht. So schafft der Staat eine innere Unausgeglichenheit in der Kirche, zwischen dem einen und dem anderen Auftrag des Herrn.

Sollten wir aber das Geld deshalb ablehnen? Oder sollten wir es trotzdem nehmen, eben weil es eine unvergleichliche Chance ist, Menschen zu helfen. - Und bestimmt verkündet die Kirche auch dabei das Evangelium Jesu Christi, das kann nämlich keiner unterbinden.

Äthiopier wrote:
Sollten wir aber das Geld deshalb ablehnen? Oder sollten wir es trotzdem nehmen, eben weil es eine unvergleichliche Chance ist, Menschen zu helfen. - Und bestimmt verkündet die Kirche auch dabei das Evangelium Jesu Christi, das kann nämlich keiner unterbinden.

Wer die Notlage von Hilfsbedürftigen ausnutzt, um seine privaten Glaubensansichten zu verbreiten, wer also Helfen mit Missionieren verknüpft, handelt unethisch und setzt sich dem Verdacht aus, dass Helfen nur Mittel zum Zweck sein könnte, es vordergründig um Missionierung geht. Wer tatsächlich helfen will, sollte seine privaten Glaubernsansichten zu Hause lassen.

Äthiopier wrote:
... Ist denn die christliche Nächsteliebe nicht auch ein religiöser Auftrag?

Abgesehen davon, dass "christliche Nächstenliebe" von Christen lange tatsächlich nur am "Nächsten", also dem Glaubensbruder in der eigenen Gruppe praktiziert werden sollte (und selbst das nie übermäßig gut klappte, wie uns die innerchristlichen Konfessionskriege zeigen): "Christliche Nächstenliebe" ist eine Wortschöpfung, mit der sich das Christentum Mitgefühl und Selbstlosigkeit als etwas spezifisch Christliches aneignen möchte. Beides hat sich aber lange vor dem Christentum evolutionär unabhängig von einer bestimmten Kultur/ Religion entwickelt.

Sehr geehrter J.B.,

zuerst einmal ist es für diese Fragestellung gänzlich unerheblich, woher "Mitgefühl und Selbstlosigkeit" stammen (entwicklungsbiologisch oder sonstwie). Für die oben genannte Frage ist es in erster Linie wichtig, wie die Kirche das für sich selbst begründet. Jede Art von Hilfe ist irgendwie idealistisch aufgeladen und da denke ich, dass diejenigen, denen geholfen wird, ein Recht darauf haben, die Motivation dahinter kennen zu lernen. - Des weiteren denke ich nicht, dass Religion eine reine Privatsache ist. Ja sicher, sie ist etwas persönliches, aber nichts privates. Religion und Religiosität bestimmen das öffentliche Leben mit. Nicht umsonst sind es in obigem Artikel die KIRCHEN, die der Staat unterstützt.

Zweitens gab es das biblische Gebot der Nächstenliebe auch schon im Judentum: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr." (3. Mose 19,18). Es würde also (konsequenterweise) kein Christ leugnen, dass es diese Dinge schon vor dem Christentum gab. Zweitens ist es absoluter Blödsinn, dass dieses Gebot zuerst einmal nur dem nächsten Christen galt. Da das biblische Gebot der Nächstenliebe aus dem Judentum stammt, ist es korrekt, dass es IN ERSTER LINIE dem nächsten Juden galt, aber auch dort IN ZWEITER LINIE schon dem Fremden.

Nächstenliebe und Mitgefühl sind im Übrigen etwas christliches, aber sie sind nicht DAS spezifisch christliche. DAS ganz spezifisch christliche ist die Erlösung aus der Gnade Gottes in Christus Jesus und nicht etwa durch gute Taten:

"Also steht fest: Nicht wegen meiner guten Taten werde ich von meiner Schuld freigesprochen, sondern erst, wenn ich mein Vertrauen allein auf Jesus Christus setze." (Römer 3,28 HFA).

Liebe Grüße,
Äthiopier

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