Das Caritas Baby Hospital: "Der Stern von Bethlehem"
Foto: Vera Rüttimann
Dr. Hiyam Marzouqa, Chefärztin des Caritas Baby Hospitals in Bethlehem, mit Patienten.
Lesen Sie dazu auch
Pilger, die in den vergangenen Tagen von Jerusalem nach Bethlehem in ihre Hotels zurückkehrten, haben gerade Dramatisches erlebt. Sie haben schrille Signaltöne gehört, bevor Raketen in die Heilige Stadt einschlugen. Haben gesehen, wie Menschen in Panik in Restaurants unter Tischen Sicherheit suchten oder sich zu Boden warfen. Und nun erleben einige Pilger bei ihrer Ankunft in Bethlehem mit der acht Meter hohen Mauer, die den Ort umgibt, den nächsten Schock. Bald jedoch hellt sich die Stimmung jener auf, die wissen: Wenige Schritte von der Mauer entfernt befindet sich mit dem Caritas Baby Hospital eine Insel des Glücks. Pro Jahr werden hier 34.000 Kinder behandelt, unabhängig von ihrer Rasse, Religion, Sprache oder Hautfarbe.
Insel des Glücks
"Wir sind da" steht auf der Glasfassade des Eingangs zur ambulanten Ambulanz, die auf einem Grund mit bewegter Geschichte steht. Der Schweizer Pater Ernst Schnydrig, der in diesem Herbst 100 Jahre alt geworden wäre, gründete hier vor 60 Jahren gemeinsam mit dem palästinensischen Arzt Antoine Dabdoub und der Schweizerin Hedwig Vetter das Caritas Baby Hospital. Um den Erhalt dieses Krankenhauses langfristig zu sichern, baute er in Europa die Kinderhilfe Bethlehem auf.
Die Türen des Caritas Baby Hospitals stehen seit 1952 jeden Tag allen Kindern und Müttern offen. Foto: epd-bild/Fröhlich
In diesen krisenhaften Tagen herrscht im Wartesaal großer Andrang. Hektisch eilt medizinisches Personal mit Krankenakten umher. So auch Dr. Hiyam Marzouqa. Sie ist Chefärztin des Caritas Baby Hospitals Bethlehem, Christin und so etwas wie das "Gesicht" dieses Spitals. Marzouka, die seit 1990 hier arbeitet, kämpft auch an diesem Morgen mit den Folgen der wachsenden Not unter der Bevölkerung. Sie besucht bei ihrer Visite Kleinkinder, die an Untergewicht, Neugeborenengelbsucht und Lungenentzündungen leiden. Eine Folge auch von schlecht geheizten Wohnungen im Winter.
Das Ärzteteam um Hiyam Marzouqa kämpft häufig mit Erbkrankheiten. Eine Folge der Isolation durch die israelischen Sperranlagen und einer oft verhängnisvollen Tradition, die die Menschen hier untereinander heiraten lässt. Für die notwendigen OPs auf der israelischen Seite sind viele Hindernisse zu beseitigen: "Durch die Checkpoints haben wir große Schwierigkeiten, kranke Kinder in israelische Krankenhäuser zu überführen", sagt Hiyam Marzouqa. Das Krankenauto des Spitals kann nur bis zum Checkpoint fahren. Auf der anderen Seite müssen kranke Kinder in ein anderes Auto umgelagert werden, dass sie in Städte wie Jerusalem bringt. So erging es auch Sharvel. Hiyam Marzouqa erinnert sich gut an den dünnen Jungen, der an einer erblich bedingten Darmkrankheit litt. Die OP gelang dank guter Kontakte zu israelischen Ärzten und ausländischer Spenden der "Kinderhilfe Bethlehem". Kinder werden hier auch behandelt, wenn deren Eltern nichts oder nur wenig zu den Behandlungskosten beitragen können.
Traumatische Erinnerungen
Wenn Hiyam Marzouqa im Kinderspital in diesen Tagen TV-Bilder von einschlagenden Granaten in Jerusalem sieht, kommen in ihr traumatische Bilder und Emotionen hoch. In ihren Augen ist blanke Angst. Marzouqa erinnert sich an die bangen Stunden während des Golfkriegs 1991, als Raketen auf Israel abgeschossen wurden und eine Ausgangssperre verhängt wurde. "Wir sind damals alle in den Bunker gegangen, weil wir immer Angst vor einem Chemie-Angriff hatten." Die Ärztin erinnert sich an die zweite Intifada 2002, wo sie von ihrem Haus in Beit Jala aus die Raketen aus Gilo einschlagen sah. "In den letzten zehn Jahren haben sich die Lebensumstände der Menschen hier stark verschlechtert."
Mehr im Netz
Hiyam Marzouqa erinnert sich jedoch sich auch an schöne Dinge: Während des Gaza-Krieges 2008/2009, erzählt sie, wirkte die Kinderhilfe Bethlehem bei Medikamentenlieferungen für Krankenhäuser im Gaza-Streifen mit. In Gedanken ist sie wohl jetzt schon dabei, die Menschen in Gaza erneut mit Decken und Medikamenten auszustatten, sobald die Lage dort noch schlimmer wird, und die Hilfe des Kinderspitals gebraucht wird. Sorgen machen der Ärztin auch die illegalen israelischen Siedlungen. Sie zeigt auf einem Hügel auf der anderen Seite der Stadt, wo hässliche Zweckbauten in den Wüstenhimmel ragen. "Har Homa" heisst der Name der großen israelischen Siedlung, an deren Hängen sie als Kind einst Oliven gepflückt hat.
Mauer der Schande
Die israelischen Siedlungen, allen voran die Sperranlagen, ziehen sich immer enger um Bethlehem. Auch Ghasub Nasser, der im Caritas Baby Hospital in der PR-Abteilung arbeitet, geht auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz stets entlang an grauen Mauern und Wachtürmen. "Sie wird genau so fallen wie die Berliner Mauer", ist sich Nasser sicher.
Ghasub Nasser vor dem Peace Center in Bethlehem. Foto: Vera Rüttimann
Der evangelische Christ bezeichnet sie als "Schande". Auch den Checkpoint 300, der unweit des Caritas Baby Hospital liegt. Menschen, deren Arbeitsort außerhalb Bethlehems liegt, müssen käfigähnliche Tunnels passieren. Nur die Yellow Cabs mit Touristen werden lässig durchgewunken. Viele kranke Kinder kommen aus dem "Aida Refugee-Camp", das Ghasub Nasser anschließend besucht. Hier leben Palästinenser, deren Familien aus israelischen Gebieten einst vertrieben worden sind. Nasser zeigt Wandbilder, die weltberühmt sind: Die Friedenstaube in Ketten, ikonographischen Christus-Darstellungen an der Mauer, Steine schleudernde Jugendliche - Motive von ungeheurer emotionaler Wucht. Auch Street-Art-Ikone "Banksy" war im "Aida-Refugee-Camp". Er malte eine große Ameise, die Mauern wie Dominosteine umkippen lässt.
Hoffnungssignale wider die Agonie
Ghasub Nasser trifft sich mit Freunden zum Gottesdienst in der Evangelisch Lutherischen Weihnachtskirche. Auf dem Weg dorthin trifft er Händler, die Seidentücher, Gewürze und Krippen aus Olivenholz anbieten. Sie verkaufen schlecht. Da und dort umarmt er einen Freund. Auch hier trifft Ghasub Nasser Kinder, die im Kinderspital genesen konnten. Für ihn ist das Kinderspital der "Stern von Bethlehem". Ein anderer Stern ist für den drahtigen Mann die Gemeinde der Weihnachtskirche, deren Kirchturmspitze weit in den kobaltblauen Himmel ragt. Stolz ist er auch auf Mitri Raheb. Mit dem Begegnungszentrum neben der Kirche, das Nasser betritt, habe der bekannte Pfarrer einen interreligiösen Ort geschaffen: "Unsere Kirche ist immer voll." Zu tun habe dies auch mit den vielen ausländischen Delegationen, die diesen Ort besuchen.
Autor
Vera Rüttimann
ist freie Autorin in Zürich und Berlin.
Dass sich politisch etwas ändert und die Mauer verschwindet, diese Hoffnung haben Hiyam Marzouqa und Ghasub Nasser – nur zwei von vielen Stimmen, die für die mutige Arbeit des Caritas Baby Hospital stehen – angesichts neuester militärischer Kämpfe verloren. Mut macht jedoch beiden, dass es in dieser Phase der Agonie, in der viele in Palästina keine Perspektive mehr sehen, auch einen Gegentrend gibt: Ingenieure, IT-Spezialisten und Ärzte, die im Ausland studiert haben, kommen nach Bethlehem zurück und gründen hier Familien. Manche lassen sich im Kinderspital sogar zur Pflegekraft ausbilden.
Hiyam Marzouqa, die es als ihre Aufgabe sieht, als Christin dort zu bleiben, wo das Christentum einst entstanden ist, sagt: "Es macht mir Hoffnung, wenn ich sehe, dass Palästinenser zurückkehren, und sich von unserer Arbeit hier und unseren menschlichen Werten inspirieren lassen."


Kommentare
Der Stern von Bethlehem und die anitisraelische Propaganda der C
Wann, frage ich mich, hören die feinen Seitenhiebe auf, die man auch in christlichen Kreisen gegen Israel austeilt, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet???
Beispiel: Sie schreiben "Das Ärzteteam um Hiyam Marzouqa kämpft häufig mit Erbkrankheiten. Eine Folge der Isolation durch die israelischen Sperranlagen und einer oft verhängnisvollen Tradition, die die Menschen hier untereinander heiraten lässt." Vielleicht ist es Ihnen ja nicht bekannt, dass auch hierzulande (in Deutschland) Ärzte mit Erbkrankheiten von Migrantenkindern kämpfen - weil, ja weil es eine Tradition ist, untereinander zu heiraten. Hierzulande sind die Migranten keineswegs "eingesperrt", im Gegenteil, die Cousins und Cousinen werden sogar eigens aus der Türkei eingeflogen, damit sie einander heiraten können.
Warum belassen Sie es nicht einfach dabei zu schreiben, dass es die Tradtion ist, warum schreiben Sie, dass es die "Isolation" sei, die diese verhängnisvolle Krankheit mit sich bringt???
(Zumal es durchaus möglich ist, dass Araber aus Bethlehem Araber aus Nablus heiraten, nicht wahr??? Am liebsten Vettern und Cousinen... vermute ich jetzt mal etwas zynisch!
Sie schreiben weiterhin "Die Ärztin erinnert sich an die zweite Intifada 2002, wo sie von ihrem Haus in Beit Jala aus die Raketen aus Gilo einschlagen sah." Ich war während der zweiten Intifada in Israel und kriegte mich, dass Gilo unablässig von Beit Jala aus unter Beschuss genommen wurde... so kann, nein muss man es nämlich auch sagen!!!
Wie schön, dass das Kinderkrankenhaus während des Gazakrieges Material an die notlleidenden Menschen in Gaza liefert... aber ehrlich wäre es gewesen zu sagen, dass sie neben der medizinischen Versorgung der Menschen in Gaza durch die Israelis AUCH geholfen haben!
Und wie richtig wäre es zu sagen, dass die sogenannte "Mauer der Schande" ein Segen für die israelische Bevölkerung ist, zwar nicht schön anzusehen und für die Araber auch mit einigen Nachteilen verbunden, dass sie aber in erster Linie dazu dient, Menschenleben zu retten! Denn diese "Mauer", die ja nur als Mauer dort steht wo der Sicherheitszaun nicht ausreichend vor Heckenschützen Sicherheit bieten würde (also in angrenzenden Wohnquartieren von Israelis und sogenannten "Palästinensern") dass diese Schutzmaßnahme die Terroranschläge drastisch reduziert hat und es somit weniger Tote und Verletzte in Israel zu betrauern und zu beklagen gibt.
Die Hoffnung auf Frieden bleibt doch leider solange "nur" eine Hoffnung, wie die sogenannten "Palästinenser" ihre Idee von einem judenreinen Staat auf dem Gebiet des heutigen Israel nicht aufgegeben haben.
Wir lassen uns immer noch täuschen von dem Wort "Befreiungskampf", das uns vorgaukeln soll, damit seien die "Besetzten Gebiete" gemeint. Aber selbst Herr Abbas, nicht nur die Hamas, die von ihrer Charta nicht um einen Millimeter abrückt, macht keinen Hehl daraus, dass es Juden in "Palästina" nicht geben soll.
Es wäre viel gewonnen, wenn wenigstens die Christen im Nahen Osten ihre judenfeindliche Einstellung aufgeben und sich für einen Frieden mit den Juden und dem jüdischen Staat einsetzen würden.
Dabei sollten wir ihnen helfen und nicht bei der antijüdischen/ antiisraelischen Propaganda - wie sie leider auch in diesem Artikel ganz unterschwellig und wirksam betrieben wird!
Neuen Kommentar schreiben