Theologieprofessorin warnt vor Überlastung der Pfarrer

Die Bochumer evangelische Theologieprofessorin Isolde Karle hat von den Kirchenleitungen bessere Arbeitsbedingungen für Pfarrer verlangt.
18.09.2012 | epd

"Pfarrerinnen und Pfarrer sollten mit einem freien Tag und guten Vertretungsregelungen rechnen können", sagte sie am Montag beim 72. Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Hannover. Bei dem Kongress diskutieren rund 250 evangelische Pfarrer bis zum Dienstag über den Wandel ihres Berufsbildes.

Karle wandte sich laut Redemanuskript gegen standardisierte Arbeitsanweisungen für Pfarrer. Durch sie werde die berufstypische Handlungsfreiheit der Seelsorger aufs Spiel gesetzt. Pfarrer hätten ein hohes Berufsethos und versuchten, notfalls auch zu ungelegener Zeit für diejenigen da zu sein, die sie brauchten. Gegenwärtig aber hätten sie durch steigenden Ansprüche der Verwaltung mit einer deutlich vermehrten Arbeitsbelastung zu kämpfen.

"Pfarrerinnen und Pfarrer sind Kontaktpfleger von Beruf", unterstrich Karle. Unter den Bedingungen einer anonymisierten und vereinzelten Gesellschaft gewönnen überschaubare Sozialgebilde wie Kirchengemeinden heute neu an Attraktivität. "Menschen brauchen die Vertrautheit von Zeiten, Orten und Gesichtern." Nur in persönlichen Begegnungen entstehe Vertrauen, gerade im Zeitalter der medialen Kommunikation. Deshalb seien die vielen Begegnungen des Pfarrers oder der Pfarrerin mit Gemeindemitgliedern kaum hoch genug einzuschätzen.

In Deutschland gibt es nach Angaben des Verbandes derzeit rund 24.000 aktive Pastoren, unter ihnen ein Drittel Frauen. Die Pfarrerschaft sehe sich jedoch einem akuten Nachwuchsmangel gegenüber, hieß es. Die Zahl der Theologiestudierenden sei stark gesunken. Dies werde sich ab 2015 als Pfarrermangel bemerkbar machen. Der evangelische Pfarrerverband hat in Deutschland rund 21.000 Mitglieder. Die katholische Kirche beschäftigt rund 14.000 Priester.

Kommentare

Da frage ich mich, wie müsste eine Kirche der Freiheit aussehen, die den Pfarrerinnen und Pfarrern genau diese so nötigen Bedingungen bietet? Ich glaube, es wäre möglich, die Strukturen so einzurichten, dass gerade diese persönlichen Begegnungen stattfinden können. Das würde voraussetzen, dass einmal die Wichtigkeit der persönlichen Arbeit aber auch der persönlichen Erholung gesehen wird, und dass Strukturen nicht ein Eigenleben entwickeln, sondern dass sie den Menschen dienen.

Bei uns in der Gemeinde gibt es Gruppen und Kreise, die wollen partout keine Begegnung mit dem Pfarrer, sondern legen Wert auf "Eigenständigkeit" innerhalb der Kirchengemeinde. Trotz dieser Eigengesetzlichkeit, Eigensinnigkeit, Eigensucht und Eigenmächtigkeit soll ohne großes Kino, Geld fliessen aus der Gemeindekasse. Per Überweisung, damit man dem Pfarrer nicht begegnet.

Zunächst mal, sollte dem Pfarrer die Möglichkeit geschaffen werden, Begegnungsmöglichkeiten zu seiner eigenen Gemeinde zu erhalten. Wie wär`s mit einer neuen Einladungskultur?

Es ist an der Zeit, dass die Öffentlichkeit mal erfährt, was die Verwaltung eigentlich für Ansprüche an den Tag legt!

Im digitalen Zeitalter muss doch alles per Knopfdruck automatisch ablaufen, oder liegt der Fehler bei den Göttern in weiß (Informatikern)? Damals, als der Pfarrer seine Amtshandlungen noch per Hand ins Kirchenbuch eingetragen hat, war doch die Welt noch völlig in Ordnung. Und jetzt? Was passiert mit der Datenflut eigentlich?

Es könnten theologische Sonderforschungsbereiche eingerichtet werden, die gezielt geeignete Nachwuchskräfte ansprechen könnten und die sie auf die Vorteile einer Einbindung in die Landeskirchen aufmerksam gemacht werden könnten. Ein Anreiz kann dabei sein, eine belastbare Karriereperspektive zu bieten. Oder darf ein zukünftiger Pfarrer nicht karrieregeil sein? Junge Leute wollen was erreichen und die Karrieretreppe nach oben klimmen. Nur mit dem Fahrrad und der speckigen schwarzen Hose und dem Aufkleber "Peace" in der Gemeinde rumzuradeln ist wenig erfolgversprechend.

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Sie können andere Beiträge mit [quote]-Tags zitieren.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisiertem Spam vorzubeugen.