Religion und Toleranz: Der Gewalt in den Arm fallen
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Die Autoritäten Jerusalems untersagten das traditionelle Opfern eines Widders - aus praktischer Toleranz.
Toleranz, das Ertragen des Anderen, ist eine Tugend, die jedem von uns täglich abverlangt wird. Dabei kommen uns Liebe und Freundschaft (in Nahbeziehungen) sowie Respekt und Höflichkeit (in Nah- und Fernbeziehungen) zu Hilfe.
Vorgestellt
Jan Assmann
ist emeritierter Professor für Ägyptologie der Uni Heidelberg und hat sich mit mehreren Büchern über monotheistische Religionen einen Namen gemacht.
Unter den zu ertragenden Eigenheiten des Anderen spielt die Religion normalerweise keine große Rolle, hier geht es um befremdende Angewohnheiten, schlechten Geschmack, abstoßendes Aussehen, mangelnde Rücksichtnahme, fehlende Sprachkenntnisse und andere profane Dinge. Die Religion des Anderen kommt nicht auf zwischenmenschlicher, sondern auf gesellschaftlicher Ebene ins Spiel und mit ihr eine andere Form von (In)toleranz. Ein frühes, vielleicht das erste Beispiel dieser neuen Form von Intoleranz ist die Scheidung der Mischehen durch Esra im späten 5.Jh. (Esra 10), der sich dafür auf Dt. 7,3 beruft. Hier handelt es sich um eine Intoleranz von oben: was Gott geschieden hat, soll der Mensch nicht vereinen.
Die Vermutung liegt nahe, dass diese neue Form von Intoleranz mit der neuen Form von Religion zusammenhängt, die Esra im Auftrag der persischen Reichsregierung in Jerusalem durchsetzen soll – eine Religion auf der Grundlage der im babylonischen Exil entstandenen Tora, die die religiösen Traditionen Israels in einer normativen Schrift von Gesetzeskraft kodifiziert hat. Wie gewaltsam der Eingriff in das Leben der Betroffenen war, wenn "Mischehen" erzwungen geschieden wurden, muss man nicht betonen. Diese Gewalt gehört in die Reihe ähnlicher, meist noch gewalttätigerer Maßnahmen, die in der Tora gegen die in Kanaan siedelnden Völkerschaften sowie die zu ihren Sitten übergangenen eigenen Landsleute vorgeschrieben werden und die alle im Zusammenhang stehen mit dem strikten Gebot, keine anderen Götter als IHWH allein zu verehren.
Für Christentum und Islam sind Differenzen schwer zu ertragen
Was die Tora angeht, handelt es sich um Literatur, nicht um Geschichte, und wir müssen uns nicht vorstellen, daß die neue Religion in Form von Massakern durchgesetzt wurde. Auch wenn es bemerkenswert bleibt, daß in ihren heiligen Schriften die Geschichte ihrer Durchsetzung in so gewaltsamer Form erinnert wird. In seiner weiteren Geschichte ist das Judentum nie mit Gewalt gegen andere Religionen vorgegangen, allenfalls gegen Abtrünnige aus den eigenen Reihen. Da sich das auserwählte Volk selbst aus den Völkern ausgrenzt und sich von dieser Differenz her versteht, respektiert es auch die Andersheit der Anderen, während für den Islam und ganz besonders für das Christentum diese Differenz eine schwer zu ertragende Herausforderung darstellt.
Ungefähr zur gleichen Zeit, als Esra die Scheidung der "Mischehen" durchsetzte, haben die Chnumpriester auf Elephantine, einer Nilinsel an der Südgrenze Ägyptens, den Tempel zerstört, den die dort seit über 200 Jahren ursprünglich als Söldner angesiedelten Juden ihrem Gott Jehu errichtet hatten. Die Chnumpriester hatten aus ganz anderen Gründen die Religion der Juden nicht ertragen: Zu deren Riten gehörte das Widderopfer zum Pessach-Fest, und der Widder war nun gerade das heilige Tier des Chnum, das im benachbarten Bezirk des Chnumtempels in hohen Ehren gehalten und bestattet wurde. Als die Juden nach Jerusalem schrieben und die dortigen Autoritäten um Erlaubnis baten, den Tempel wiederaufzubauen, wurde ihnen alles genehmigt - mit einer Ausnahme: dem Brand- oder Ganzopfer, also eben dem Ritus, der den Anstoß der Chnumpriester erregt hatte.
Praktische und dogmatische Toleranz unterscheiden
Dieses Beispiel lehrt uns zweierlei. Erstens: dass gewalttätige Intoleranz kein ausschließlich monotheistisches Prärogativ ist. Die Chnumpriester waren gewiss keine Monotheisten. Sie verehrten in ihrem Tempel eine Götterdreiheit von Chnum, Satis und Anukis (übrigens wurde auch in dem Tempel der Juden Jehu zusammen mit der Göttin Anat verehrt).
Wir müssen also zwischen dogmatischer und praktischer Intoleranz unterscheiden. Esras Maßnahmen entspringen dogmatischer Intoleranz: Mischehen darf es laut Tora nicht geben. Die Tempelzerstörung der Chnumpriester entsprang praktischer Intoleranz: Sie konnten es nicht ertragen, dass das heilige Tier ihres Gottes jährlich in unmittelbarer Nachbarschaft ihres Tempels geschlachtet und geopfert wurde. Das war keine Frage göttlicher Gebote, sondern spontaner, durch den fremden Ritus verletzter religiöser Gefühle.
Der politischen Gewalt in den Arm fallen
Die zweite Lehre, die sich aus diesem Fall ziehen lässt, ist die Weisheit der Jerusalemer Autoritäten, das Ganzopfer aus den Erlaubnissen für die Diaspora-Gemeinde auszunehmen, um derartige Konflikte in Zukunft zu vermeiden. Die Wohnverhältnisse auf der Insel hatten die beiden Religionen in engste Nachbarschaft gebracht und zu entsprechender Rücksichtnahme gezwungen. Genau so sind heute in der globalisierten Welt alle Religionen miteinander in engste Berührung gekommen und müssen sich in ihren möglicherweise Anstoß erregenden Riten und Gebräuchen zurücknehmen. Auch bei der Meinungsfreiheit, der heiligen Kuh der westlichen Zivilreligion, die zur Verletzung anderer missbraucht werden kann. Die Globalisierung zwingt uns zu einer Kultur des Zusammenlebens, nicht aufgrund religiöser Gebote, sondern aufgrund einiger fundamentaler Regeln ziviler Rücksichtnahme und Anerkennung.
Dieser Kultur des Zusammenlebens stehen nun einige Faktoren entgegen, die mehr auf eine Verschärfung als eine Lösung der Konflikte abzielen. Niemand wird bestreiten wollen, daß diese Faktoren im Zuge der "Wiederkehr der Religion" erheblich an Stoßkraft gewonnen haben. Entlang dieser Pole hat auch der politische Kompass auf globaler Ebene seine traditionelle Orientierung in "rechts" und "links" neu auszurichten begonnen. Hinter den westlichen Versuchen, die religiösen Gefühle der Muslime zu verletzen, stehen rechte Interessen, ebenso wie hinter den Hasspredigten und gewalttätigen Reaktionen der anderen Seite. In diesem Feld von Verschärfung und Entspannung sollten die Religionen links stehen und der politischen Gewalt in den Arm fallen anstatt sie anzufeuern. Einen Gott, der von seinen Anhängern verlangt, sich für ihn zu ereifern, Menschen umzubringen und Kulturgüter zu zerstören, kann es nicht geben.


Kommentare
Was heißt heute Toleranz?
Jan Assmann meint oben: »Einen Gott, der von seinen Anhängern verlangt, sich für ihn zu ereifern, Menschen umzubringen und Kulturgüter zu zerstören, kann es nicht geben.«
Ich frage zurück: Wie lautet schon das 1. Gebot? Und ist nicht das Alte Testament voll von Aufrufen zur Verfolgung der »Ungläubigen«? Entweder ist es Gott selbst, der dazu aufruft, oder einer seiner treuesten Vertreter auf Erden, Mose nämlich, der seine Mannen bei Strafe anhält, ja nur den einen und einzigen Gott anzubeten?
Versuchen wir doch den Begriff der Toleranz in unsere heutige, multiweltanschauliche Welt zu übersetzen. Ich sehe es so:
Der unbedingte Respekt vor dem anderen Menschen – welcher Herkunft, welchen Glaubens, welcher (sexuellen) Orientierung auch immer – schließt Kritik an dessen Ansichten für mich keinesfalls aus. Respekt meint, dass ich den anderen so behandele, wie ich behandelt werden möchte, und dass ich seine, speziell religiöse, Position als persönliche Meinung toleriere. Tolerieren in diesem Sinne heißt, formal zu akzeptieren, dass er das Recht auf einen eigenen, von dem meinen abweichenden weltanschaulichen Standpunkt hat. Inhaltlich jedoch erlaube ich mir, die Auffassungen des anderen mit Argumenten zu kritisieren, gegebenenfalls sogar entschieden abzulehnen. Toleranz setzt allerdings Gegenseitigkeit voraus. Denn Toleranz und Respekt kann nur erwarten, wer selbst dieses Verhalten zeigt, andernfalls verliert eine faire Auseinandersetzung ihre Basis.
Auf den Punkt gebracht: Unbedingter Respekt vor dem anderen Menschen, nur bedingter Respekt vor dessen auch religiösen Auffassungen. Dennoch: Sofern sie keinen Alleinvertretungsanspruch haben, müssen in einem demokratischen Gemeinwesen unterschiedliche, speziell religiöse, Lebenskonzepte nebeneinander bestehen dürfen. Daraus entstehende Konflikte – hier denke ich besonders an die muslimischen Zuwanderer, aber im Zusammenhang mit der aktuellen Beschneidung auch an unsere jüdischen Mitbürger – sind im Geiste unseres Grundgesetzes auszutragen. (www.uwelehnert.de)
Verantwortung des Einzelnen?
Eine Frage, die Herr Assmann hier aufwirft und die ich diskussionswürdig finde, ist: Liegt dieses Handeln in individueller Verantwortung oder bedarf es hierfür einer Verordnung, sei es der Glaubensgemeinschaften oder gar des Gesetzgebers?
Ich glaube, trotz der Notwendigkeit des Zusammenlebens funktioniert das nur, wenn es hierfür eine Kultur der individuellen Verantwortung gibt. Aber im Falle des Mohammed-Videos gibt es durchaus gesetzliche Regelungen zumindest für ein Aufführungsverbot, und bis zu einem gewissen Grad sind solche Regeln sinnvoll. Dies auszuloten steht uns da sicher noch bevor.
Toleranz
Einige Anmerkungen seien gestattet:
1. Der Verfasser bezeichnet das Judentum als tolerant, weil es das Anderssein des Anderen repektiere. das Gegenteil ist der Fall: die Selbstdefinition als auserwähltes Volk ist elitär. Es liegt also keine tolerante Grundhaltung vor, sondern Erwählungsbewusstsein, mithin das Gegenteil von Toleranz. Die Beschneidungsdebatte hat es gezeigt: Menschen, die Beschneidung kleiner Kinder kritisieren, werden als Nazis verunglimpft, Verständnis für den modernen Rechtsstaat keine Spur.
2. Meinungsfreiheit ist ein demokratisches Grundrecht und die Freiheit von Kunst und Kultur ebenso, ohne deren Provokationen es nie gesellschaftlichen Fortschritt gegeben hätte. Gerade die Reformation hat radikal mit alten Frömmigkeiten abgerechnet, z. B. Zwingli mit seinen Freunden zur Fastenzeit Schweinefleisch gegessen. Hätte man damals auch auf den guten Geschmack achten sollen?
Erwählungsbewusstsein ist nicht Intoleranz
Sehr geehrter Herr Franken,
ich möchte Ihnen dezidiert widersprechen. Gerade weil sich das Judentum für das von Gott auserwählte Volk hält, und weil man es deshalb zu recht als elitär bezeichnen kann, muss es den anderen ihr Anderssein lassen, da es sich sonst nicht mehr von ihnen abheben könnte.
Herrn Assmann ist in diesem Punkt zuzustimmen: Das Erwählungsbewusstsein der jüdischen Religion ist nicht das Gegenteil von Toleranz. Ein Problem mit der Toleranz hatte die christliche Religion, die den "Missionsbefehl" in der Vergangenheit oft mit dem Schwert ausführen wollte.
Zur Beschneidungsdebatte. Da handelt es sich sehr wohl um ein Toleranzproblem. Die religiöse Beschneidung der Juden ist für uns schwer zu tolerieren, es ist als unser Problem. Nicht unbedingt das Problem der Christen, sondern das Problem der säkularen, aufgeklärten Gesellschaft und ihres Staates und des darin geltenden Rechts.
Dass da einzelne Juden gleich zur Keule des Nazivergleichs greifen, ist natürlich überzogen. Wir sollten das als Zeichen eines Gefühls der Bedrohung sehen und nicht der Religion als solcher anlasten.
Eine andere Frage ist allerdings, wie weit die Toleranz unserer Gesellschaft gehen soll. Jede Toleranz hat Grenzen. Mit Religion kann nicht alles gerechtfertigt werden, die Religionsgemeinschaften haben sich sehr wohl alle an deutsches Recht zu halten. Die Muslime etwa dürfen hier die Scharia nicht praktizieren und nicht ihre Töchter zwangsverheiraten. Es dürfen keine Mädchen aus religiösen Gründen beschnitten werden, warum also Jungen?
Der Gesetzentwurf der Bundesregierung umgeht die Begründung aus der Religion heraus bewusst, indem er das Recht der Beschneidung im Elternrecht verankert. Das ist hasenfüßig, denn er vermeidet die eigentliche Auseinandersetzung, er toleriert diese archaische Praxis. Die kleinen Knaben, die der Staat davor schützen sollte und die nicht wissen, wie ihnen geschieht, haben es zu erleiden.
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